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Um was ging es in dem Artikel?
Kurz geagt um folgendes Problem: Ein Quantensystem,
dessen Wellenfunktion zu einem Zeitpunkt t0 vollständig
bekannt ist, wird so in zwei Teile zerlegt, daß die beiden Teilsysteme
einen verschränkten Zustand (siehe Abbildung
1 und die FAQ zum Zeilinger-Experiment)
bilden. Diese Teilsysteme werden räumlich voneinander getrennt. Dann
wird an einem Teilsystem eine Messung vorgenommen. Der Ausgang dieser
Messung bestimmt bei einem verschränkten Zustand sofort den Ausgang
einer analogen Messung am anderen Teilsystem.
Ein wenig anschaulicher formuliert: In einem Raum seien drei Personen,
Alice, Bob, und Trent. Trent hat einen kleinen
Stapel aus vier Karten, Pik-As, Pik-Sieben, Karo-As und Karo-Sieben.
Alice zieht eine Karte. Sie zeigt sie Bob, der daraufhin eine der drei
verbliebenen Karten auswählt. Die drei haben vorher ausgemacht, daß,
wenn Alice ein As zieht, Bob eine Sieben wählt (und umgekehrt), und
daß, wenn Alice eine rote Karte zieht, Bob eine schwarze wählt (und
umgekehrt). Wenn Alice also die Pik-Sieben zieht, nimmt Bob das
Karo-As. Alice und Bob gehen nun in getrennte Nebenräume und Trent,
der nicht weiß, wer welche Karte hat, versucht herauszufinden, welche
Karte Bob hat, indem er Alice oder Bob nach der Farbe oder dem Wert
ihrer oder seiner Karte befragt. Wenn er annimmt, daß die beiden nicht
lügen, reicht es, wenn er etwa zu Alice geht und fragt: ,,Ist
deine Karte rot oder schwarz?``, dann zu Bob geht und ihn fragt:
,,Hast du eine Sieben oder ein As?`` Aus den beiden Antworten
kann Trent sofort bestimmen, wer welche Karte hat. So weit ist die
Sache völlig trivial, und weder Einstein noch Bohr haben irgendein
Problem damit.
Nehmen wir an, die drei wiederholen das viele Male. Trent hat sich am
Abend vorher eine Liste gemacht, wann er wem welche Frage stellt,
trägt während des Experiments die Antworten in diese Liste ein und
rechnet nachher die statistische Verteilung der Antworten aus. Dann
wird er finden, daß Bob je in der Hälfte der Fälle eine rote
beziehungsweise schwarze Karte hat, und je in der Hälfte der Fälle
eine Sieben beziehungsweise ein As. Dabei wird Bobs Statistik
unabhängig davon sein, wem Trent welche Fragen gestellt hat, und Bobs
und Alices Aussagen werden perfekt korreliert sein. Soweit ist die
Sache immer noch klar.
Einstein, Podolski und Rosen erkannten nun, daß die Quantenmechanik
etwas erlaubt, was auf folgendes hinausläuft: Bob und Alice haben
einen Spion, Mallet, beauftragt, vor dem Beginn des Experiments
eine Fotokpie von Trents Liste zu besorgen. Die beiden wissen also,
welche Fragen Trent wann wem stellen wird, und sie haben vereinbart:
Wenn Trent Alice nach der Farbe fragen wird, wählt Bob zwar eine
Karte, die die jeweils andere Farbe hat, den Wert aber wählt er
zufällig. Wenn Alice also das Pik-As hat, wirft Bob im Geiste eine
Münze und wählt zufällig zwischen Karo-As und Karo-Sieben aus. Wenn
Trent Alice nach dem Wert fragen wird, wählt Bob entsprechend die
Farbe zufällig aus. Das Experiment läuft nun wie geplant ab, am
Abend setzt sich Trent über seine Liste mit den Fragen und Antworten
und wird stutzig: Bobs Statistik, für sich betrachtet, sieht genauso
aus wie vorher, jeweils 25% Pik-As, Pik-Sieben, Karo-As und
Karo-Sieben. Vergleicht er aber Bobs und Alices Karten, so sieht er:
Immer wenn er Alice zuerst nach der Farbe gefragt hat, sind die Farben
von Alices und Bobs Karten noch korreliert, die Werte aber
nicht. Fragt Trent jedoch Alice zuerst nach dem Wert, sind die Werte
korreliert, die Farben aber nicht, so als ob Bob bei der Kartenwahl
gewußt hätte, welche Frage Trent als erstes stellen würde. Für Trent
gibt es nun drei mögliche Schlußfolgerungen:
- 1.
- Bob hat tatsächlich vorher gewußt, welche Frage Trent Alice
stellen würde. Die beiden müssen also entweder einen Spion angeheuert
haben, oder es muß eine mit der Farbe und dem Wert von Spielkarten in
Zusammenhang stehende, Trent unbekannte (versteckte)
Eigenschaft geben, die die Antworten von Alice und Bob
vorherbestimmt. In jedem Fall ist Trents Information über das
Experiment unvollständig.
- 2.
- Alice hat Bob über eine Trent unbekannte Kommunikationsline
Trents Frage mitgeteilt, während Trent auf dem Weg zu Bob war. Bob hat
dann einem Versteck eine geeignete Karte entnommen.
- 3.
- Farbe und Wert sind nicht Eigenschaften einzelner Karten,
sondern beider Karten zusammen. Zwar kann man die Karten von Alice und
Bob problemlos einzeln betrachten (beider Statistik ist gleich:
jeweils 25 % Pik-As, Pik-Sieben, Karo-As und Karo-Sieben), betrachtet
man jedoch die Korrelation von Alices und Bobs Karten, kann man diese
nicht mit einem lokalisierten Konzept ,,Spielkarte`` beschreiben.
In der Sprache der Quantenmechanik und bezogen etwa auf die
Aspect-Experimente (siehe [AGR81], [ADR82] und
[AGR82], aber auch [FC72] bedeuten diese drei
Möglichkeiten:
- 1.
- Die Beschreibung des Experiments durch die herkömmliche
Quantenmechanik ist prinzipiell unvollständig.
- 2.
- Die Beschreibung des Experiments durch die herkömmliche
Quantenmechanik ist insofern unvollständig, als eine Wechselwirkung
zwischen den beiden Quantensystemen existiert, die nicht in der
ursprünglichen Beschreibung enthalten war.
- 3.
- Die beiden Quantensysteme können in diesem speziellen Fall gar
nicht als getrennte Quantensysteme beschrieben werden; nur eine
Beschreibung des gesamten Systems kann die experimentellen Resultate
erklären.
Alle drei Möglichkeiten aber erweisen sich bei näherem Hinsehen als
problembehaftet:
- 1.
- Diese Möglichkeit ist die naheliegendste, von EPR vermutete und
theoretisch wie experimentell am besten untersuchte. Die Idee ist, daß
die Observablen, die im quantenmechanischen Experiment gemessen
werden, in Wirklichkeit Funktionen eines unterliegenden, vollständigen
Satzes, versteckter physikalischer Größen sind. Was im
Experiment gemessen wird, wäre dann lediglich eine statistische
Verteilung der abgeleiteten Funktionen, deren Werte jederzeit
vorherbestimmbar wären, wenn man die versteckten Variablen in die
Beschreibung miteinbeziehen würde.
An dieser Möglichkeit haben sich einige große Geister versucht,
angefangen bei Schrödinger selbst. Allerdings ist bei keinem dieser
Versuche eine brauchbare Theorie herausgekommen, und es ist
instruktiv, zu untersuchen, warum (bis jetzt) alle diese Versuche
scheiterten. Entsprechend wird sich der Rest dieser FAQ hauptsächlich
damit beschäftigen.
- 2.
- Man kann die beiden Messungen, die den Fragen nach Kartenfarbe
und -wert entsprechen, so durchführen, daß sie durch ein raumartiges
Raumzeitintervall getrennt sind. Auf deutsch heißt das: die vermutete
Wechselwirkung zwischen den beiden Systemen muß sich dann mit
Überlichtgeschwindigkeit auswirken. Da dies ohne weiteres zur
Informationsübertragung zwischen den beiden Punkten, an denen die
Messungen stattfinden, benutzt werden könnte, hieße das, daß die
Relativitätstheorie an einem ihrer zentralen Punkte überarbeitet
werden müßte.
Die Hauptschwäche dieser Möglichkeit ist, daß Informationsübertragung
mit Überlichtgeschwindigkeit experimentell bis heute nicht beobachtet
wurde, und daß einige aufsehenerregende Experimente in der jüngeren
Vergangenheit gerade dies sehr deutlich machten. Sollte Trent sich
wirklich für diese Schlußfolgerung entscheiden, müßte er eine Theorie
finden, die die Relativitätstheorie an einem sehr zentralen und
experimentell sehr gründlich überprüften Punkt ersetzen kann. Generell
ist die Relativitätstheorie eine der experimentell am besten
abgesicherten Theorien, und die Suche nach einem ,,
EPR-kompatiblen`` Ersatz für die Relativitätstheorie wäre ein
nobelpreisträchtiges, aber chancenarmes Unternehmen.
- 3.
- Eine Realitätsauffassung, die die Frage der Realität der an der
Messung beteiligten Quantensysteme vom Ausgang der Messung--nämlich
davon, ob EPR-Korrelationen beobachtbar sind oder nicht--abhängig
macht, erklärt die Realität eben dieser Systeme zu einer a
posteriori-Eigenschaft des spezifischen Experiments. Das läuft aller
Alltagserfahrung entgegen, und scheint auf den ersten Blick auch
vollkommen unphysikalisch: Das Experiment muß ja schließlich in
mathematischen Ausdrücken und Gleichungen beschreibbar sein. In diesen
Gleichungen müssen die am Experiment beteiligten Dinge repräsentiert
sein, und diese Repräsentationen müssen doch unabhängig vom Ausgang
des Experiments sein. EPR diskutierten diesen Punkt und erachteten
folgendes Kriterium für das Konzept ,,Realität`` als
hinreichend (aber nicht notwendig):
,,If, without in any way disturbing a system, we can predict with
certainty (i.e. with probability equal to unity) the value of a
physical quantity, then there exists an element of physical reality
corresponding to this physical quantity.``
[EPR35]
Diese Definition stellt bereits eine Konzession an die
Quantenmechanik--insbesondere an die Unschärferelation--dar. EPR
bestehen nicht darauf, daß alle denk- und vorstellbaren
Observablen auch in der quantenmechanischen Beschreibung als real
angesehen werden können, sondern nur die dispersionsfrei
meßbaren. Wenn also etwa in einem Spinresonanzexperiment die
Observablen S2 und Sz gemessen beziehungsweise in der
theoretischen Beschreibung berechnet werden, dann haben die beiden
anderen Projektionen des Spinoperators, Sx und Sy eben keine
Realität mehr, da sie nicht mehr dispersionsfrei sind (in den Worten
von EPR: da ihre Werte nicht mehr mit Sicherheit vorausgesagt werden
können).
EPR sind damit bereit, die Frage der Realität physikalischer Größen zu
einem a posteriori der theoretischen Beschreibung und damit zu
einem a posteriori des experimentellen Aufbaus (der ja in die
theoretische Beschreibung eingeht) zu machen. Das
in [EPR35] beschriebene ,,Paradox`` jedoch
liegt eine Schicht tiefer: ein strikt lokales Realitätskriterium
verlangt, daß die Frage der Realität der Observablen im zweiten
Quantensystem ist abhängig vom Ausgang der Messungen am ersten
Quantensystem, die aber (EPR lehnten Möglichkeit 2 selbstverständlich
strikt ab) das zweite Quantensystem in keiner Weise beeinflussen
kann. Das hielten sie für undenkbar:
,,No reasonable definition of reality can be expected to
permit this.``
[EPR35]
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