Angenommen, eine Teilchenquelle emittiere Atome im Triplettzustand,
also mit der Spinquantenzahl S=1. Weiterhin angenommen, in einiger
Entfernung von der Quelle befinde sich eine Apparatur, die das Quadrat
des Spins in jeder beliebigen Richtung messen kann (die Apparatur sei
um alle Raumachsen drehbar, und zwar schnell genug, daß noch während
der Flugzeit des Atoms das interne Koordinatensystem der Apparatur
gegenüber dem Laborsystem verändert werden kann). Im internen
Koordinatensystem der Meßapparatur sind dann die Operatoren für den
Spin (in Einheiten von
) gegeben durch die drei Paulimatrizen
für S=1 [PMH84]:
Eine hidden variable-Theorie, die sagt, daß die Meßergebnisse für das Atom bereits nach Verlassen der Quelle determiniert (aber noch unbekannt) sind, muß nun einen Algorithmus bereitstellen, mit dem bereits kurz nach Emission des Atoms unter Einbeziehung der versteckten Variablen das spätere Meßergebnis im Detail vorhergesagt werden kann. Da zu diesem Zeitpunkt aber die Ausrichtung der Meßapparatur noch nicht fixiert ist, muß sie das für jede mögliche Aurichtung können. Und da die Operatoren kommutieren, muß die Voraussage für das Ergebnis etwa der Sz2-Messung unabhängig von einer Rotation um die z-Achse sein, also unabhängig davon, welche beiden anderen Vektoren nun konkret x und y sind. (Wenn die Operatoren kommutieren, ist die Reihenfolge, in welcher die Messungen durchgeführt werden, irrelevant. Insbesondere kann Sz2 als erstes gemessen werden. Wäre nun Sz2 abhängig von der Wahl der beiden anderen Vektoren, so wäre mit anderen Worten der Wert von Sz2 abhängig von einer zukünftigen Messung von Sx2, Sy2 resp. Sx'2, Sy'2. Das zu leisten kann von keinem vernünftigen Realitätskriterium erwartet werden). Die hidden variable-Theorie muß also bereits jetzt jeder möglichen Ausrichtung und damit jedem möglichen Satz von orthogonalen Vektoren (x,y,z) die Werte 1 (zweimal) und 0 (einmal) zuordnen können, und zwar so, daß diese Zuordnung für einen der Vektoren unabhängig von der konkreten Wahl der anderen beiden Vektoren ist.
Das ist äquivalent zu dem Problem, die Oberfläche einer Kugel mit dem Radius 1 einzufärben, so daß:
,,Die Punkte 1 und 2 müssen dieselbe Farbe haben.``Der Beweis ist indirekt: Es werde (ohne Beschränkung der Allgemeinheit) angenommen, daß 1 rot und 2 blau sei. Im folgenden wird gezeigt, daß daraus und aus obigen Bedingungen (1) und (2) ein Widerspruch folgt. Zunächst wird (per Konstruktion) gezeigt, daß ein Diagramm wie in Abbildung 3, für das folgende Regeln gelten sollen:
Sei nun 1 rot, dann müssen 3, 7 und 8 blau sein. Wenn nun 2 auch blau wäre, müßte 4 rot sein. 9 und 10 wären dann beide blau. Wenn aber 7 und 9 blau sind, so muß 5 rot sein. Wenn 8 und 10 blau sind, muß 6 rot sein. 5 und 6 sind aber orthogonal zueinander und können nicht beide rot sein. Widerspruch.
Damit ist der Hilfssatz bewiesen: Wenn der Winkel zwischen 1 und 2
kleiner ist als
, können die beiden Punkte nicht
verschieden gefärbt sein.
Der Beweis des Kochen-Specker-Theorems benutzt nun diesen Hilfssatz,
indem folgende 15 Vektoren betrachtet werden (siehe Abbildung
4): sei p0 der Nordpol der
Einheitskugel, und seien p1 bis p4 Punkte auf
dem Nullmeridian, die jeweils
auseinanderliegen (also auf
72, 54, 36 und 18 Grad nördlicher Breite). Seien q0 bis
q4 Punkte auf dem Äquator bei 0, 18, 36, 54 und 72 Grad
östlicher Länge und schließlich r0 bis r4
Punkte auf dem 90. Grad östlicher Länge und 0, 18, 36, 54 und 72 Grad
nördlicher Breite.
Es ist auch möglich, die Verallgemeinerung des Diagramms aus Abbildung 3 zu konstruieren (Abbildung 5).
Das alles heißt:
Eine hidden-variable-Theorie könnte auch explizit nichtlokal
sein [Pit89]. So könnte man in obigem Beispiel anführen,
daß die Ausrichtung der Detektoren ihrerseits die versteckten
Variablen beeinflußt. Dann müßte die hidden-variable-Theorie
nicht mehr für beliebige Meßrichtungen, sondern nur für eine bestimmte
gelten (was selbstverständlich möglich ist). Die Bohmsche
hidden-variable-Theorie beispielsweise ist eine nichtlokale
hidden-variable-Theorie: in ihr wird die Funktion
durch
das gesamte System und nicht nur durch lokale Gegebenheiten bestimmt.
An solchen nichtlokalen Theorien sind jedoch mehrere Dinge
problematisch: erstens wurden hidden-variable-Theorien
entwickelt, um Nichtlokalitäten zu beseitigen und durch lokale
Beschreibungen zu ersetzen, und zweitens ist ein Abgrenzungsproblem
diesen Theorien inhärent: In [ADR82] etwa wird die
Ausrichtung der Detektoren während der Flugzeit der beobachteten
Photonen geändert. Das bedeutet, daß die Information über die
Ausrichtung eines der Detektoren das Photon, welches auf den anderen
Detektor zufliegt, mit Überlichtgeschwindigkeit erreicht haben müßte,
was natürlich nicht geht.
Der einzige Ausweg für eine nichtlokale hidden-variable-Theorie zur Beschreibung des Experiments in [ADR82] bestünde darin, zu erklären, daß die Information über Zeitpunkt der Änderung sowie neuer Ausrichtung der Detektoren schon a priori ,,im System`` enthalten war. Der von [ADR82] zur Veränderung der Detektorrichtung verwendete Modulator hätte dann die versteckten Variablen bereits vor Beginn des Experiments in geeigneter Weise beeinflußt. Es ist natürlich leicht einzusehen, daß diese Erweiterung des Systembegriffs keine Grenzen kennen darf: wenn die Ausrichtung des Detektors etwa vom Fall einer Roulettekugel in Monte Carlo oder von der Beobachtung eines Himmelsphänomens abhängig ist, dann müssen diese ebenfalls Teil der hidden-variable-Theorie sein. Dann aber stellt sich die Frage, was die Theorie dann überhaupt noch beschriebt.
Aus diesen Gründen sind hidden-variable-Theorien in den letzten Jahren etwas aus der Mode gekommen.