In diesem Abschnitt entwickeln wir den allgemeinen Begriff der differenzierbaren Mannigfaltigkeiten. Zunächst rekapitulieren wir die allernötigsten Grundbegriffe der mengentheoretischen Topologie.
Sei
eine beliebige Menge, deren Elemente wir als Punkte
bezeichnen. Erfülle nun
die
folgenden Eigenschaften
Dann heißt
eine Topologie von
.
Eine Teilmenge von
heißt genau dann offen, wenn sie in
enthalten ist. Jede Teilmenge
von
, die als
Komplement einer offenen Menge
von
geschrieben werden kann
(also
), heißt abgeschlossen.
Ist
. Eine Teilmenge
heißt Umgebung von
, wenn
und eine offene Teilmenge
von
ebenfalls
enthält. Die Menge aller Umgebungen von
bezeichnen wir mit
.
Ein topologischer Raum heißt Hausdorffraum, wenn sich zwei Punkte stets durch Umgebungen trennen lassen, d.h.
Die geometrische Sprache der obigen Definitionen legt es nahe, daß
ihr als heuristisches Modell der Anschauungsraum zugrundeliegt. In der
Tat ist es eine einfache Übung für den Leser zu prüfen, daß der
euklidische Punktraum eine Topologie erhält, indem man eine Menge
als offen definiert, wenn es zu jedem Punkt
eine Kugel um
gibt, die ganz in
enthalten ist. Es ist klar, daß auf diese
Weise auch einem beliebigen metrischen Vektorraum eine
Hausdorfftopologie aufgeprägt werden kann.
Topologien spielen deshalb eine so große Rolle in der höheren Analysis, weil sie den Begriff der Stetigkeit von Funktionen aus der reellen oder komplexen Analysis auf wesentlich allgemeinere Mengen zu verallgemeinern gestatten. Dies wird durch den soeben definierten Umgebungsbegriff wie folgt ermöglicht:
Wir bemerken sogleich, daß für eine Untermenge
dadurch eine Topologie
definiert werden kann, daß man
als offen definiert, wenn es eine offene Menge
in der
ursprünglichen Topologie
gibt, so daß
.
Diese Topologie bezeichnen wir als die von
auf der
Untermenge
induzierte Topologie.
Es ist klar, daß diese Definition für reelle oder komplexe Funktionen mit dem gewöhnlichen Stetigkeitsbegriff übereinstimmt, wenn die übliche durch den Betrag bzw. eine Metrik induzierte Topologie benutzt wird.
Nun ist es nicht schwer zu zeigen, daß sich zwei topologische Räume zumindest lokal identifizieren lassen, wenn man eine stetige umkehrbare Abbildung zwischen offenen Mengen derselben angeben kann:
Zwei topologische Räume heißen homöomorph, wenn es einen globalen
Homöomorphismus
gibt.
Jetzt nutzen wir diese Begriffe aus, um Räume zu definieren, die
lokal aussehen wie der
, d.h. für die es um jeden Punkt einen
lokalen Homöomorphismus auf eine offene Umgebung in
gibt. Es
ist dann nämlich das Tor geöffnet um alle Begriffe der reellen
Analysis auf diese topologischen Räume anzuwenden, insbesondere
können wir alsbald differenzieren und auf diese Weise jede Menge
Zusatzstrukturen etablieren.
Sind nun
und
Karten um
und
, so
heißen diese verträglich, wenn entweder die Bilder der
Kartengebiete
und
leeren Schnitt haben, oder wenn die
Abbildung
Dabei heißt eine Abbildung
mit offenem
-Diffeomorphismus, wenn sie bijektiv,
beliebig oft differenzierbar ist und die Umkehrfunktion auch genau
diese Eigenschaften aufweist.
Eine Familie von Paaren
(wobei
eine
geeignete Indexmenge
durchläuft) aus Karten und Kartengebieten
heißt Atlas, wenn alle Karten untereinander verträglich sind
und die
den ganzen topologischen Raum überdecken:
ist.
Zwei Atlanten heißen verträglich, wenn ihre Vereinigung wieder einen Atlas ergibt.
Wir bemerken sofort, daß die Verträglichkeit von Atlanten eine
Äquivalenzrelation ist, d.h. bezeichnen wir mit
die
Verträglichkeit von Atlanten, so gilt:
,
und aus
und
folgt stets auch
.
Nach all diesen abstrakten Ausführungen schauen wir ein bißchen voraus und diskutieren die Implikationen, die sich aus diesen Betrachtungen für die Physik ergeben. Wie schon in der Einleitung ausführlich dargelegt, ist die erste Anwendung dieser mathematischen Konstruktionen die Aufstellung eines Modells zur Beschreibung der Raum-Zeit. In diesem Fall scheint es uns durch die Anschauung, also unser räumliches und zeitliches Empfinden, ziemlich klar zu sein, was wir darunter verstehen wollen. Ein Blick in die europäische Geistesgeschichte würde uns nun alsbald eines besseren belehren, ist doch das Problem der genauen Definition, was Raum und Zeit eigentlich ist, von der Antike an in der philosophischen Literatur immer wieder diskutiert worden. Wir wollen uns hier auf den Standpunkt des Physikers zurückziehen und die Raum-Zeit durch eine differenzierbare Mannigfaltigkeit definiert ansehen, der geeignete Zusatzstrukturen aufzuprägen sind, damit wir Meßvorschriften für Raum und Zeit definieren können. Es wird hier übrigens deutlich, daß Physik keinesfalls eine im naiven Sinne empirische Wissenschaft ist, sondern Theorie und Experiment einander wechselseitig bedingen. Es ist nämlich schlichtweg unmöglich, überhaupt auch nur Meßvorschriften zu definieren, die eine quantitative Beschreibung ermöglichen, ohne ein mathematisches Modell in der Hand zu haben, das uns die Definition der zu messenden Größen ermöglicht. Es ist aber auch klar, daß die dabei verwendeten mathematischen Strukturen damit selbst dem physikalischen Test unterzogen werden müssen, d.h. die durch mathematische Sätze gegebenen Implikationen werden zu Sätzen über physikalische Beobachtungsgegenstände, so daß die Aussage, daß Raum und Zeit durch die eine oder andere Mannigfaltigkeitsstruktur beschrieben wird, sich als konsistent mit den Resultaten von Messungen zu erweisen hat, die selber durch sie definiert werden. Zu diesem Problemkomplex sei dem Leser die sorgfältige Lektüre des Anfangskapitels von [Ein90] empfohlen.