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Die Drehgruppe
Zunächst ist klar, daß der dreidimensionale euklidische Punktraum
keine Richtung auszeichnet. Das kann man auch so ausdrücken, daß alle
kartesischen Koordinatensysteme gleichberechtigt sind. Insbesondere
berechnet sich das Skalarprodukt zweier Vektoren bzgl. zweier
kartesischer Koordinatensysteme stets als das kanonische Skalarprodukt
im
. Seien nämlich
und
orthonormierte Basissysteme, dann gilt
(wir verwenden wieder die Einsteinsche Summationskonvention, d.h. über
gleichlautende Indizes wird summiert) nämlich:
 |
(1.4.1) |
Wir können die
natürlich als Linearkombinationen der
ausdrücken. Daraus ergibt sich dann die Umrechnung der
Koordinaten von Vektoren wie folgt:
 |
(1.4.2) |
Dieses Transformationsverhalten der Vektorkomponenten gilt für
beliebige Basistransformationen und berücksichtigt noch nicht, daß
sowohl die
als auch die
orthonormierte Vektoren
sein sollen. Klar ist, daß dieser Zusammenhang Einschränkungen an die
Transformationsmatrix
stellt. Diese
Einschränkungen lassen sich aber sehr leicht aus der Forderung, daß
beide Basissysteme orthonormiert sind, herleiten:
 |
(1.4.3) |
Dies können wir in Matrixschreibweise wie folgt zusammenfassen:
 |
(1.4.4) |
Man nennt durch solche Matrizen dargestellte Automorphismen des
orthogonale Transformationen. Es ist klar, daß diese
Transformationen, die allein dadurch gekennzeichnet sind, daß sie
Orthonormalbasen in Orthonormalbasen abbilden, eine Untergruppe der
GL
bilden, die Orthogonale Gruppe des
dreidimensionalen Raumes, kurz O(
). Wie wir sehen werden, ist sie
nichtabelsch.
Aus dem Determinantenmultiplikationssatz folgt sofort, daß
 |
(1.4.5) |
sein muß. Da die Determinante stetig von den Matrixelementen abhängt,
zerfällt O(
) in zwei Teile, nämlich diejenigen Transformationen,
die durch infinitesimale orthogonale Transformationen aus der Identität
erzeugt werden können, nämlich die mit der Determinante
, und
solche, für die eben dies nicht möglich ist. Offensichtlich bilden die
orthogonalen Transformationen mit der Determinante
eine Untergruppe
der O(
), die spezielle orthogonale Gruppe des
, kurz
SO(
), genannt wird.
Wir wollen nun die geometrische Bedeutung der orthogonalen
Transformationen, zunächst beschränken wir uns auf die SO(
),
untersuchen. Das charakteristische Polynom einer reellen
-Matrix, also
ist vom dritten Grade und besitzt folglich mindestens einen reellen
Eigenwert. Der dazugehörige Eigenvektor wird unter der Wirkung der
Transformation mit dem Eigenwert multipliziert. Da es sich um eine
SO(
)-Transformation handelt, behält er dabei seine euklidische
Länge bei, und das bedeutet, daß
und folglich
ist.
Ist der Eigenwert
, muß das Produkt der beiden anderen Eigenwerte
sein, weil ja
ist. Da das
charakteristische Polynom der Matrix reell ist, müssen entweder
und
, oder sie sind konjugiert
komplex zueinander. Letzteres scheidet aber aus, da dann ihr Produkt
sein müßte. Da weiterhin mit derselben Begründung wie für
den ersten Eigenwert oben
sein muß, muß
also ein weiterer Eigenwert
und der andere entsprechend
sein.
Daraus ergibt sich aber endlich, daß jede SO(
)-Matrix mindestens
einen Eigenwert
besitzt und folglich einen Einheitsvektor
ungeändert läßt. Diesen Einheitsvektor machen wir zur
-Achse eines
kartesischen Koordinatensystems. In diesem System hat die
Transformationsmatrix die Gestalt
mit  |
(1.4.6) |
Wegen
folgt zunächst
. Weiter folgt aus der
Orthogonalitätsforderung (1.4.5) und der Inversionsformel für
eine beliebige Matrix:
 |
(1.4.7) |
Das bedeutet, daß
und
sein muß. Die Matrix besitzt also
die Gestalt:
mit  |
(1.4.8) |
Aus der letzten Gleichung folgt
, d.h. wir können
mit
setzen. Dann liegt bis auf das
Vorzeichen auch
fest. Wir wählen willkürlich
. Die allgemeine Gestalt der Matrix ist also
 |
(1.4.9) |
Aus Abb. 1.5 lesen wir mit Hilfe der Definition
(1.4.2) ab, daß diese Transformation eine Drehung um die
Dreiachse mit dem Drehwinkel
beschreibt.
![\includegraphics[width=0.5\textwidth]{abb5.eps}](img331.png)
Die Wirkung einer SO(

)-Transformation auf ein orthonormales
System, für das der

-Basisvektor Eigenvektor zum Eigenwert

ist, entspricht der einer Drehung des Systems

um die

-Achse mit dem Drehwinkel

, wodurch sich das System

ergibt.
Wir bemerken, daß wir hier und im folgenden stets die sogenannte
``Rechte-Handregel'' anwenden. Zunächst bestimmen wir das kartesische
Koordinatensystem so, daß
,
und
ein
rechtshändiges Dreibein bilden, d.h. richtet man den Daumen
der rechten Hand in Richtung von
, den Zeigefinger in
Richtung von
, so orientieren wir
in Richtung des
Mittelfingers. In Abb. 1.5 weist also die Dreiachse aus der
Papierebene hinaus. Die Drehung um die Dreiachse haben wir dann so
definiert, daß die Basisvektoren im Gegenuhrzeigersinn um den Drehwinkel
gedreht werden. Allgemein erfolgt die Drehung um eine beliebige
durch einen Einheitsvektor
definierte Achse entsprechend der
Rechte-Handregel: Richtet man den Daumen der rechten Hand in
Richtung von
, geben die gekrümmten Finger die Drehrichtung
an. Entsprechend dieser Regel lauten die Drehmatrizen für die Drehung
um die drei Koordinatenachsen eines rechtshändigen Koordinatensystems
 |
(1.4.10) |
Man rechnet aus der expliziten Darstellung (1.4.9) für
sofort
nach, daß
 |
(1.4.11) |
Dies zeigt, daß die Menge aller Drehungen um eine feste Achse eine
Abelsche Untergruppe der
bilden, nämlich die Drehungen
der Ebene senkrecht zu
. Diese bilden die Gruppe
(orthogonale Gruppe des
). Sie ist isomorph zur additiven Gruppe
, wobei aber modulo
zu rechnen ist.
Im folgenden zeigen wir, daß wir jede Drehung durch drei solche
speziellen Drehungen ausdrücken können, und zwar fassen wir dies in
dem sog. Satz von den Eulerwinkeln zusammen:
Jede Matrix
läßt sich durch die
Hintereinanderausführung dreier Drehungen wie folgt zusammensetzen:
mit ![$\displaystyle \psi, \; \varphi \in [0,2 \pi[,\; \theta \in [0,\pi].$](img346.png) |
(1.4.12) |
Wie wir sehen werden, ist die Zuordnung der Winkel
,
und
zu einer gegebenen Drehmatrix
nicht notwendig
eindeutig.
Zunächst machen wir uns die anschauliche Bedeutung der drei Winkel
deutlich. Wir können die Drehung offenbar dadurch charakterisieren,
daß wir von einem rechtshändigen kartesischen Dreibein
ausgehen und ein neues kartesisches Dreibein
durch
(1.4.2) definieren. Betrachten wir nun die geometrischen
Verhältnisse dieser beiden kartesischen Dreibeine gemäß
Abb. 1.6.
![\includegraphics[width=0.7\textwidth]{euler-angles}](img352.png)
Zur Definition der Eulerwinkel (s. Text).
Die Schnittlinie der
- mit der
-Ebene definiert die sogenannte
Knotenlinie, die wir gestrichelt grün eingezeichnet haben. Der in ihre
Richtung weisende Einheitsvektor
ist nach der Rechte-Handregel
so orientiert, daß bei der Drehung des Systems
um diese
Achse die
-Achse in die
-Achse gedreht wird, und zwar so, daß
der Drehwinkel ins Intervall
zu liegen kommt. Das
Dreibein
wird durch die drei Eulerdrehungen
(1.4.12) sukzessive in das Dreibein
verdreht, und
zwar wie folgt: Zunächst erfolgt eine Drehung um die Dreiachse um den
Drehwinkel
, so daß die neue Einsachse mit dem
Knotenlinienvektor
zusammenfällt. Sodann erfolgt die Drehung
um diese Achse
um den Winkel
, die dafür sorgt, daß
die neue Dreiachse nunmehr mit der
-Achse koinzidiert. Schließlich
wird noch um die
-Achse um den Winkel
gedreht, so daß
schließlich auch die neuen Eins- und Zweiachsen jeweils auf
und
zu liegen kommen.
Kommen wir nun zum Beweis der Existenz der Eulerwinkel für eine
beliebig vorgegebene Drehmatrix. Sei also
eine beliebige
SO(
)-Matrix.
Wir schreiben nun zunächst die Eulerwinkelmatrix explizit auf:
 |
(1.4.13) |
Wir versuchen nun, die Winkel
,
und
so zu
wählen, daß diese Matrix mit
übereinstimmt. Soll dies
möglich sein, müssen diese drei Winkel durch die dritte Zeile und die
dritte Spalte bestimmt sein: Der Vergleich mit
zeigt
zunächst, daß
so gewählt werden muß, daß
ist. Wegen der Orthonormalitätsrelation (1.4.3) für
gilt
 |
(1.4.14) |
so daß in der Tat ein eindeutig bestimmter Winkel
existiert, so daß
.
Nehmen wir nun zunächst an, daß
,
d.h.
. Dann ist
, und aus den verbliebenen Matrixelementen der
letzten Zeile der Eulermatrix (1.4.13) ergibt sich eindeutig
der Winkel
aus den Gleichungen
 |
(1.4.15) |
Dabei ist wegen (1.4.14) und der Festlegung
gesichert, daß
ist, was der notwendigen und hinreichenden Bedingung für die
Existenz des Winkels
entspricht. Genau in analoger Weise
läßt sich
so bestimmen, daß auch die beiden ersten Elemente
der dritten Spalte von (1.4.13) mit der gegebenen
SO(
)-Matrix
übereinstimmen.
Nun verwenden wir die so bestimmten Winkel und drücken die
Matrixelemente der dritten Zeile und dritten Spalte durch die Winkel so
aus, wie wir sie gerade festgelegt haben und bilden die Matrix
. Lösen wir dann das
lineare Gleichungssystem
 |
(1.4.16) |
nach
,
,
und
auf, erhalten
wir genau die Einträge in (1.4.13). Allerdings ist dann
noch nicht vollständig bestimmt, denn wir haben unsere
Matrixelemente
durch die Winkel
,
und
derart bestimmt, daß
. Nun wissen wir
jedoch, daß
ist. Da weiter auch
ist, muß also
und ergo
sein. Folglich ist in der Tat
, womit die Darstellbarkeit der
Matrix
durch die Eulermatrix gezeigt ist.
Nun müssen wir noch die Fälle
und
behandeln.
Wir hatten oben aber
aus der Bedingung
bestimmt, d.h. es handelt sich um die Fälle
. Nehmen wir
zunächst an, daß
. Dann haben wir oben gezeigt, daß wir
stets einen Winkel
so angeben können, daß
ist. Da wir
gesetzt haben, sind die
Winkel
und
in der Eulermatrix in diesem Falle nicht
eindeutig bestimmt, denn wir müssen nur
setzen, um
die Bedingung zu erfüllen, daß
ist. Die Darstellbarkeit der
Drehung durch Eulerwinkel ist also auch in diesem Fall gegeben, nur ist
diese nicht eindeutig.
Sei schließlich
. Wegen der Orthonormalität von
,
muß dann
sein. Bilden wir dann
wieder die Matrix
, können wir wegen
die Winkeldifferenz
so
wählen, daß die Gleichungen
und
erfüllt sind. Schließlich ist wegen
wieder
und also die Darstellbarkeit von
durch eine
Matrix der Gestalt (1.4.13), wobei in diesem Falle
und weiter nur die Winkeldifferenz
bestimmt ist. Auch hier ist die Parametrisierung der Drehmatrix durch
Eulerwinkel also nicht eindeutig. Es ist aber gezeigt, daß jedenfalls
für jede SO(
)-Matrix stets eine Parametrisierung mit Eulerwinkeln
möglich ist, d.h. die Eulerwinkel stellen eine vollständige
Parametrisierung der Drehgruppe dar, die lediglich für Drehungen, die
die Dreiachse ungeändert lassen oder in die entgegengesetzte Richtung
bringen, unbestimmt ist.
Wir bemerken noch die wichtige Tatsache, daß die Parametrisierbarkeit
der vollen Gruppe
durch Eulerwinkel beweist, daß die
tatsächlich die stetig mit der Identität
zusammenhängende Untergruppe der
ist.
Ist schließlich
O
SO
, also
, so ist
,
wobei
der Paritätsoperator ist, der geometrisch die
Spiegelung des rechtshändigen Dreibeins
am
Koordinatenursprung bewirkt. Man macht sich leicht klar, daß in diesem
Fall
ein linkshändiges Dreibein ist.
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