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Der freie Fall auf der rotierenden Erde
Wir wenden uns nun einem Beispiel für die Bewegung eines Massepunktes
auf der rotierenden Erde zu, nämlich dem freien Fall. Dabei
tritt die Komplikation ein, daß wir den Beobachter an eine beliebige
Stelle der Erde setzen wollen. Ohne Beschränkung der Allgemeinheit
setzen wir ihn auf den Längengrad 0
aber auf eine beliebige
geographische Breite
. Weiter bemerken wir,
daß wir für nicht zu große Fallhöhen1.4 die
Gravitationskraft konstant setzen können und wegen der Kleinheit der
Winkelgeschwindigkeit
Tag
den Zentrifugalterm
proportional zu
gegen den Coriolisterm proportional zu
vernachlässigen können. Der Hauptanteil der Kraft ist ohnehin
die Gravitationskraft
, wobei
wie bisher die Masse des Punktes
und
die Fallbeschleunigung bezeichnen.
Der Beobachter bei der geographischen Breite
wird das in
Abb. 1.7 gezeichnete Koordinatensystem benutzen.

Koordinatensystem auf der rotierenden Erde (Erklärung im
Text).
Dazu legen wir die Erdachse (Drehachse) in die
-Richtung des
Inertialsystems. Die
-Richtung des erdfesten Systems weist
senkrecht aus der Erdoberfläche heraus, der Winkel
hängt
mit der geographischen Breite
gemäß
zusammen. Die
-Achse ist nach Süden und die
-Achse nach Osten
ausgerichtet.
Nun benötigen wir die Drehmatrix
, so daß
 |
(1.4.48) |
ist. Diese erhalten wir offenbar als
 |
(1.4.49) |
Wir müssen nun im Gegensatz zum vorigen Abschnitt sorgfältig zwischen
den Komponenten der Winkelgeschwindigkeit bzgl. der raum- und der
erdfesten Koordinaten unterscheiden, da die
-Achse nun nicht mehr
mit der Rotationsachse (also der
-Achse) übereinstimmt. Für die
Komponenten des Ortsvektors
gilt
 |
(1.4.50) |
und für die Geschwindigkeit
 |
(1.4.51) |
Ausführen der Zeitableitung für die Drehmatrix und Umrechnen der
antisymmetrischen Matrix
in die
Komponenten der Winkelgeschwindigkeit ergibt schließlich
const |
(1.4.52) |
Leiten wir schließlich (1.4.51) nochmals nach der Zeit ab,
erhalten wir für die Komponenten der Beschleunigung
![$\displaystyle \ddot{\bvec{x}}=\hat{D} \left [\ddot{\bvec{x}}'+2 \op{\omega}' \t...
...\dot{\bvec{x}}' + \op{\omega}' \times (\op{\omega}' \times \bvec{x}') \right ].$](img519.png) |
(1.4.53) |
Der Beobachter auf der Erde wird nun seinen Standpunkt zum Ursprung
seines Koordinatensystems wählen, d.h. wir schreiben
 |
(1.4.54) |
wobei
der Ortsvektor des erdfesten Beobachterstandpunkts
bzgl. des Erdmittelpunkts (also des Urspungs des raumfesten
Bezugssystems) ist (vgl. 1.7). Offenbar gilt
const
, weil es sich ja um einen erdfesten
Ortsvektor handelt. Folglich ist
![$\displaystyle \ddot{\bvec{x}}=\hat{D} \left[\ddot{\bvec{r}}'+2 \op{\omega}' \ti...
...c{r}') + \op{\bvec{\omega}}' \times (\op{\omega}' \times \bvec{x}_0') \right ].$](img523.png) |
(1.4.55) |
In Erdnähe beschreibt der Beobachter die auf den Massepunkt wirkende
Kraft durch
. Der Beobachter
bezieht in diese Kraft jedoch auch den konstanten Anteil der
Trägheitskraft, d.h. die Zentrifugalkraft
 |
(1.4.56) |
auf einen in seinem Standpunkt ruhenden Körper, mit
ein, d.h. die Bewegungsgleichung für unseren frei fallenden Körper
lautet, vom erdfesten Beobachter aus betrachtet:
![$\displaystyle m \left [\ddot{\bvec{r}}'+2 \op{\omega}' \times \dot{\bvec{r}}' +...
...\bvec{\omega}}' \times (\op{\omega}' \times \bvec{r}') \right ] = - m \bvec{g}.$](img526.png) |
(1.4.57) |
Bringt man die Bewegungsgleichung auf die Form
![$\displaystyle m \ddot{\bvec{r}}'=-m \bvec{g} - m \left [2 \op{\omega}' \times \...
...vec{r}}' + \op{\bvec{\omega}}' \times (\op{\omega}' \times \bvec{r}') \right ],$](img527.png) |
(1.4.58) |
kann man die Terme, die aufgrund der nichtinertialen Natur des
rotierenden Bezugssystems auftreten, als Trägheitskräfte
interpretieren. Diese setzen sich aus der Corioliskraft
und der Zentrifugalkraft
zusammen.
Da nun weiter
, wobei
die Fallzeit des betrachteten Körpers bezeichnen soll,
können wir die Zentrifugalkraft
vernachlässigen.
Nach Komponenten aufgespaltet lautet die so vereinfachte Gleichung
 |
(1.4.59) |
Als Anfangsbedingungen (
) wählen wir, daß der Massepunkt aus
der Höhe
mit der Geschwindigkeit 0
losgelassen wird. Ferner
schreiben wir
usw.
 |
(1.4.60) |
Integration der ersten und dritten der Bewegungsgleichungen
(1.4.59) ergibt unter Berücksichtigung dieser
Anfangsbedingungen
 |
(1.4.61) |
Setzen wir dieses Resultat in die zweite Bewegungsgleichung ein,
ergibt sich
 |
(1.4.62) |
Dies ist eine inhomogene Schwingungsgleichung, deren allgemeine
Lösung die Summe aus der allgemeinen Lösung der homogenen Gleichung
 |
(1.4.63) |
ist, die in reeller Form durch
 |
(1.4.64) |
gegeben ist, und einer speziellen Lösung der inhomogenen
Gleichung. Der Ansatz
ergibt schließlich eine solche Lösung
der inhomogenen Gleichung zu
 |
(1.4.65) |
Die Integrationskonstanten
und
werden schließlich
vermöge der Anfangsbedingungen (1.4.60) bestimmt, und die
Lösung für
lautet schließlich:
 |
(1.4.66) |
Einsetzen in (1.4.61) erfordert nur noch eine Integration
unter Berücksichtigung von (1.4.60), um zum gesuchten Resultat zu
gelangen:
 |
(1.4.67) |
Im Gegensatz zum freien Fall in einem Inertialsystem, die einfach eine
beschleunigte Bewegung mit der Fallbeschleunigung
in
-Richtung
ergeben hätte, ist auf der rotierenden Erde sowohl eine
Ostabweichung als auch eine Südabweichung
feststellbar. Durch Taylorentwicklung bis zu Gliedern der Ordnung
, erhält man
 |
(1.4.68) |
Ein historisch wichtiges Experiment für den direkten Nachweis der
Erddrehung, das ebenfalls auf Inertialeffekten beruht, ist der
Foucaultsche Pendelversuch, den wir im folgenden Kapitel
behandeln werden, wenn uns der mächtige mathematische Apparat der
kanonischen Mechanik zur Verfügung steht.
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