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Wir betrachten nun die Bewegung eines Pendels, das irgendwo auf der
rotierenden Erde aufgehängt sei. Wie wir sehen werden, ist hier die
Behandlung in kartesischen Koordinaten im erdfesten Bezugssystem unter
Verwendung der holonomen Randbedingung, daß der Abstand zwischen
Pendelkörper und Aufhängepunkt konstant sein muß, besonders einfach.
Wir beginnen mit der Bemerkung, daß man die Bewegungsgleichungen
(1.4.58) aus dem Hamiltonschen Wirkungsprinzip mit der
Lagrangefunktion
![$\displaystyle L=\frac{m}{2} \left [\dot{\bvec{r}}'{}^2+2\dot{\bvec{r}}' ( \op{\omega}' \times \bvec{r}') \right ] - m g r'{}^3$](img705.png) |
(2.3.22) |
erhält. Das weist man unmittelbar durch Aufstellen der
Bewegungsgleichungen mittels der Euler-Lagrangegleichungen
nach. Systematisch läßt sich (2.3.22) herleiten, indem man von
(1.4.50) ausgehend die kinetische Energie durch erdfeste
Koordinaten ausdrückt und dann die in
Abschnitt 1.4.6 durchgeführten Näherungen
vornimmt.
Wir setzen den Aufhängepunkt des Pendels bei
an, wobei
die Pendellänge bezeichnet. Die Koordinaten des
Massepunktes schreiben wir dann als
 |
(2.3.23) |
Die Zwangsbedingung können wir dann in der Form
 |
(2.3.24) |
schreiben. Da wir es hier mit holonomen Zwängen zu tun haben, können
wir das Problem auf eine gewöhnliche Hamiltonsche Variationsaufgabe mit
der modifizierten Lagrangefunktion (2.3.10)
 |
(2.3.25) |
zurückführen. Die Euler-Lagrangegleichungen für die neuen
generalisierten Koordinaten
lauten
Wir wollen uns weiter auf kleine Schwingungen beschränken, d.h. wir
nehmen an
, so daß wir Größen der Ordnung
bzw.
vernachlässigen können. Aus (2.3.29) folgt dann
 |
(2.3.30) |
Unter Vernachlässigung von
gegen
folgt dann
 |
(2.3.31) |
Dies in (2.3.26) und (2.3.27) eingesetzt, liefert schließlich
 |
(2.3.32) |
mit
. Dieses Gleichungssystem können wir
leicht lösen, indem wir die komplexe Variable
 |
(2.3.33) |
einführen. Dann ergeben sich die Differentialgleichungen in
(2.3.32) als Real- und Imaginärteil der einen Gleichung
 |
(2.3.34) |
in die wir mit dem Ansatz
 |
(2.3.35) |
eingehen. Das liefert die quadratische Gleichung
 |
(2.3.36) |
mit den Lösungen
 |
(2.3.37) |
Die allgemeine Lösung der Differentialgleichung (2.3.34) lautet
demnach
![$\displaystyle z=\left [C_1 \exp(\ii \omega_0't) + C_2 \exp(-\ii \omega_0' t) \right ] \exp(-\ii \omega' t).$](img728.png) |
(2.3.38) |
Wählen wir als Anfangsbedingung, daß wir zur Zeit
das Pendel um
eine Strecke
nach Süden hin auslenken und aus der Ruhe
loslassen, d.h.
 |
(2.3.39) |
finden wir nach Bestimmung der Konstanten
und
![$\displaystyle z(t)=a \left [ \cos(\omega_0' t)+\ii \frac{\omega'}{\omega_0'} \sin(\omega_0' t) \right] \exp(-\ii \omega't).$](img731.png) |
(2.3.40) |
Dies bedeutet, daß das Pendel mit relativ schnellen Schwingungen
(Kreisfrequenz
) hin- und herschwingt, wobei sich
die Schwingungsebene mit der Kreisfrequenz
langsam dreht. Eine vollständige Drehung hat die Dauer
 |
(2.3.41) |
Am Äquator, wo
ist, dreht sich die Schweingungsebene
überhaupt nicht, weil
, und das Pendel schwingt einfach
beständig in der Nord-Südrichtung hin und her, und zwar mit der
Kreisfrequenz
, d.h. am Äquator verhält sich das Pendel wie
auf einer nichtrotierenden Erde. An den Polen hingegen, wo
bzw.
rotiert die Pendelebene in
(am
Nordpol im Uhrzeigersinn, am Südpol entgegengesetzt). An anderen Orten
der Erde ist die Rotationsdauer um den Faktor
länger. Dabei bezeichnet
den Breitengrad des
Beobachterstandpunktes. Auf der Nordhalbkugel dreht sich die
Schwingungsebene im Uhrzeigersinne, auf der Südhalbkugel
entgegengesetzt.
Das wird mathematisch noch deutlicher, wenn wir die Geschwindigkeit des
Massepunktes betrachten. Dazu leiten wir (2.3.40) nach der Zeit
ab:
 |
(2.3.42) |
Bei jeder Halbschwingung, also für Zeiten
, wo
, ist
, d.h. diese Zeiten markieren die Umkehrpunkte des
Pendels. Der Exponentialfaktor beschreibt dabei die Rotation dieser
Spitzen der Bahnkurve des Pendels, also die Drehung der Pendelebene wie
oben beschrieben.
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