Wir wollen im folgenden in die Newtonsche Mechanik ohne nähere Problematisierung der dabei postulierten Begriffsbildungen, die aus der Entwicklung der Relativitäts- und Quantentheorie erwachsen sind, einführen.
Dies ist insofern gerechtfertigt, als die Newtonsche Mechanik ein in sich abgeschlossenes Begriffsgebäude darstellt, wenn man auf die nähere Begründung der wirkenden Kräfte verzichtet. Diese können in unserem Rahmen als empirisch gegeben angesehen werden, setzen allerdings die im folgenden genauer auszuführenden und mathematisch zu formalisierenden Begriffsbildungen von Raum und Zeit voraus. Wir werden auf die Veränderungen, die die Relativitätstheorie an diesem Bild von Raum und Zeit erfordern, später eingehen.
Wir beginnen mit dem 1. Newtonschen Gesetz, der Lex prima:
Es existiert ein absoluter Raum, in dem die physikalischen Vorgänge ablaufen, der jedoch unabhängig von diesen Vorgängen existiert und durch einen orientierten dreidimensionalen euklidischen affinen Punktraum beschrieben wird.
Ferner existiert eine absolute Zeit, die unabhängig von den physikalischen Vorgängen abläuft und durch einen gerichteten reellen Strahl beschrieben wird.
Ein Körper, dessen äußere Ausdehnung gegenüber den Abmessungen seiner Bewegung vernachlässigt werden kann, bezeichnen wir als Massenpunkt.
Ein Massenpunkt bewegt sich geradlinig gleichförmig, solange er nicht durch äußere Einflüsse gezwungen wird, diesen Zustand der Bewegung zu verlassen.
Klarerweise müssen wir diese kurz zusammengefaßten Postulate der Raum-Zeit-Struktur mathematisch präzisieren. Zunächst betrachten wir den affinen Raum:
Ein affiner Raum ist ein Paar
, wobei
eine Menge ist, deren
Elemente Punkte genannt werden und
ein endlichdimensionaler
Vektorraum
, auf denen folgende algebraische Struktur definiert
ist:
Wir bemerken, daß aus fundamentalen Sätzen der linearen Algebra
bekannt ist, daß wenigstens eine Orthonormalbasis existiert: Sei der
Vektorraum
-dimensional. Dann ist
eine Orthonormalbasis, wenn
ist. Dabei ist
das Kroneckersymbol:
Ferner wird aus (A1) unmittelbar klar, daß wir durch Festlegung eines
beliebigen Punktes
und einer Orthonormalbasis
jedem Punkt
vermöge1.1
umkehrbar
eindeutig ein
-Tupel
zuordnen
können. Das Symbol
steht dabei für das
-Tupel aus den
Vektorkomponenten
, die wir uns in einer Spalte angeordnet
vorstellen:
![]() |
(1.1.2) |
Vermittels dieser algebraischen Definition des affinen euklidischen Raumes stehen uns über eine beliebige kartesische Basis sämtliche Hilfsmittel der mehrdimensionalen Analysis zur Verfügung. Andererseits müssen die Aussagen, die wir über ein physikalisches System machen, von der Wahl einer jeglichen Basis unabhängig sein.
Ebenso wie der Raum kann auch die Zeit als ein eindimensionaler affiner
(euklidischer) orientierter Raum aufgefaßt werden, und wir können sie
durch Auszeichnung eines Ursprungs und eines beliebigen Vektors
durch die reellen Zahlen
parametrisieren. Wir
bezeichnen diesen ,,Zeitraum'' als
und den ,,Raumraum'' als
. Dann können wir die Raum-Zeit zu einem affinen Raum, die
Galilei-Newtonsche Raum-Zeit oder auch kurz als die
Welt zusammenfassen zu
, und dieser Raum bildet
in kanonischer Weise ebenfalls einen affinen Raum. Es ergibt aber
aufgrund der strikt getrennten Struktur von Raum und Zeit in der Lex
prima keinen Sinn, diesem Raum eine gemeinsame euklidische Struktur
aufzuprägen. Die metrischen Strukturen von Raum und Zeit bleiben also
ebenfalls getrennt. In
haben wir die gewöhnliche reelle Metrik,
und in
die euklidische dreidimensionale Geometrie als Struktur.
Nunmehr müssen wir das in der Lex prima aufgestellte kräftefreie
Bewegungsgesetz mathematisch präzisieren. Wir können dies mit Hilfe
der soeben eingeführten Welt
leicht unabhängig von
jedem Bezugssystem tun. Ein kräftefreier Massepunkt bewegt sich
geradlinig in
und gleichförmig in
, d.h. er legt zu gleichen
Zeiten gleiche Strecken zurück. Das bedeutet, daß die kräftefreie
Bewegung eines Massepunktes durch eine Gerade in der Welt
beschrieben wird. Die Gerade wird festgelegt durch einen beliebigen
Punkt und eine Richtung. Weiter benötigen wir zur Messung von Raum und
Zeit noch willkürliche Skalen, die Maßeinheiten von Raum und Zeit.
Analytisch läßt sich dies durch die Wahl eines Zeitnullpunkts und
einer Zeitrichtung, also eines Koordinatensystems in
und eine
kartesische Basis in
beschreiben. Bzgl. einer solchen Weltbasis
können wir dann die kräftefreie Bewegung also durch
| (1.1.4) |
Wir können also die Lex prima dahingehend exakt formulieren, daß es
ein Weltkoordinatensystem gibt, in dem sich ein kräftefreier Massepunkt
gemäß (1.1.6) bewegt. Mathematisch ist diese Aussage nicht
weiter kompliziert, sie wird durch die Struktur der Welt
geradezu herausgefordert, weil ja die Geraden in affinen Räumen
ausgezeichnete eindimensionale Untermannigfaltigkeiten
darstellen. Physikalisch ist die Sachlage allerdings alles andere als
trivial. Die soeben herausgearbeitete Formulierung der Lex prima bezieht
sich nämlich auf physikalisch reale Systeme, und wir müssen dies
präzisieren um die Tragweite der Postulate genauer zu verstehen:
Zunächst folgt aus den obigen Annahmen über die Struktur des Raumes,
daß jeder in ihm liegende Punkt zum Bezugspunkt
gemacht werden
kann, und es existiert eine Orthonormalbasis
des
euklidischen Raumes, bzgl. dessen die kräftefreie Bewegung gemäß
(1.1.5) beschrieben wird. Um dies für reale Massepunkte
realisieren zu können, bedeutet dass jedoch, daß wir die
Grundkonstruktionen, wie sie in der elementaren Geometrie schon von
Euklid an die Spitze gestellt werden, mit realen Körpern durchführen
können müssen. Das bedeutet nicht weniger als daß wir exakt
starre Körper besitzen müssen, die als Lineal und Zirkel
dienen können. Im folgenden nehmen wir einfach an, daß dies der Fall
ist, wobei allerdings im Auge behalten werden sollte, daß die moderne
Physik uns lehrt, daß es solche starren Körper nicht gibt, ja daß
aufgrund der Quantentheorie schon die exakte Festlegung eines
Einheitsmaßstabes mit realen Körpern in Strenge nicht realisierbar
ist. Wir werden auf die Gültigkeitsgrenzen der Newtonschen Mechanik
allerdings erst später eingehen können.
Wir können nunmehr die Messung im Raum als durch Einheitsmaßstäbe realisiert voraussetzen. Weiter ist aber auch klar, daß damit vermöge der Lex prima auch die Zeitmessung festgelegt ist, denn wie wir anhand der Formulierung (1.1.6) gesehen haben, ist die Zeitmessung sofort mit Hilfe eines kräftefreien Körpers auf die Messung von zurückgelegten Wegstrecken zurückgeführt. Physikalisch konkret bedeutet dies jedoch, daß wir diese Wegstrecken instantan messen können müssen, d.h. wir müssen etwa vermittels einer starren Stange die Lage des Massepunktes zu einem bestimmten Zeitpunkten exakt festlegen und so mit Hilfe der euklidischen Längenmessung mit dem Einheitsmaßstab vergleichen können. Wir setzen auch dies im folgenden voraus, nicht ohne die Warnung ausgesprochen zu haben, daß dies nicht mit den Erkenntnissen der Relativitätstheorie und unserem modernen Verständnis vom Aufbau der Materie vereinbar ist. Auch hier müssen wir den Leser auf später vertrösten, bis wir in der Lage sind, die Gültigkeitsgrenzen der Newtonschen Mechanik anhand moderner physikalischer Erkenntnisse zu klären.
Kommen wir nun zur Lex secunda. Wir können die Lex prima
dahingehend zusammenfassen, daß eine Änderung des Bewegungszustandes
eines Massepunktes die Abweichung von der geradlinig gleichförmigen
Bewegung darstellt. Die geradlinig gleichförmige Bewegung wird nach
Einführung eines Galileischen Bezugssystems durch (1.1.6)
beschrieben, wobei allerdings keineswegs die konkreten Bahnparameter
festgelegt sind. Das ist auch konsistent mit der Forderung, daß die
Beschreibung der Bewegung unabhängig vom gewählten Bezugssystem ist,
denn die konkrete Wahl der
,
und
sowie
der Maße für
und
ist durch die Wahl der Bezugspunkte
von Raum und Zeit sowie deren Basisvektoren frei bestimmbar. Eine von
diesen willkürlichen Parametern unabhängige Beschreibung ist durch die
Bewegungsgleichung
gegeben, wobei
die
Ableitung der Bahnkurve
und
entsprechend ihre zweite Ableitung nach der Zeit
bezeichnet. Klar
ist, daß für eine beliebige Bahnkurve
die
momentane Geschwindigkeit und
die momentane Beschleunigung des
Massepunktes sind.
Die Lex secunda definiert nun die Kraft als Ursache der Bewegungsänderung als proportional zur Beschleunigung des Massepunktes
Die Lex tertia schließlich besagt, daß bei Wechselwirkung
zwischen zwei Massepunkten mit beliebigen Massen
und
folgendes gilt. Bezeichnen wir die von der Masse
auf die Masse
bewirkte Kraft mit
, so wirkt zwingend auf
von
die Kraft
.
Damit sind die grundlegenden Gesetze der Newtonschen Mechanik
ausformuliert. Es fällt allerdings auf, daß wir praktisch noch keine
Bewegungsgleichung besitzen, denn es ist kein Kraftgesetz vorhanden,
d.h. wir besitzen noch keine Gleichungen, die die Abhängigkeit der
Kraft
von den Raum- und Zeitkoordinaten des Massepunktes
ausdrückt. Es ist noch nicht einmal unbedingt notwendig, daß sich
dieses Kraftgesetz überhaupt als lokales Gesetz beschreiben läßt. Es
könnte sehr wohl sein, daß die Kraftwirkung zum Zeitpunkt
von der
Bewegung des Körpers zu allen davorliegenden Zeiten
abhängt,
kurz gesagt also von der Vorgeschichte des Körpers. Daß wir Wirkungen
aus der Zukunft ausschließen, also daß auch die Geschichte des
Körpers zu zukünftigen Zeiten
die Kraftwirkungen in der
Gegenwart bestimmt, ist ebenfalls ein zusätzliches Postulat, das in
keiner Weise aus den eben formulierten drei Newtonschen Grundgesetzen zu
folgt. Dieses schwache Kausalitätspostulat liegt im übrigen
der gesamten Physik zugrunde.
Die fundamentalen Wechselwirkungen, auf die die Newtonsche Mechanik praktisch anwendbar ist, sind die Gravitationskraft und die elektromagnetischen Kräfte auf geladene Körper. Die quantitative Beschreibung dieser Wechselwirkungen ist im Rahmen der Newtonschen Mechanik rein empirisch festzulegen. Dies gilt auch für unsere moderne Auffassung von der Beschreibung dieser Kräfte, nämlich die relativistische Quantenfeldtheorie, die uns allerdings hier nicht zur Verfügung steht. Wir werden gleichwohl zu gegebenem Zeitpunkt eine Begründung für die Kraftgesetze angeben, die ganz im Geiste moderner Symmetrieüberlegungen steht.