Wir folgen in der Betrachtung zum speziellen Relativitätsprinzip [BG69], machen jedoch die vereinfachende Annahme, daß die zur Raumzeit zusammengefaßte Struktur von Raum und Zeit eine differenzierbare Mannigfaltigkeit sein soll, denn wir gehen davon aus, daß die physikalischen Grundgesetze sich durch Differentialgleichungen ausdrücken lassen.
Ebenso schränken wir die Symmetriegruppe der Raumzeit auf die Zusammenhangskomponente mit der Gruppenidentität ein, denn dies ist die physikalisch plausibelste Symmetriegruppe. Die diskreten Transformationen der Raumspiegelung und der ,,Zeitumkehr`` sind nicht notwendig Symmetrien der physikalischen Gesetze, und in der Tat zeigt sich, daß die Raumspiegelungen mit Sicherheit keine Symmetrie der Naturgesetze sind, denn die schwache Wechselwirkung verletzt die Paritätserhaltung, welche unmittelbare Folge der Raumspiegelsymmetrie ist.
Im Rahmen der lokalen Quantenfeldtheorie, die dem überaus erfolgreichen Standardmodell der Elementarteilchen zugrundeliegt, ist die sogenannte CPT-Invarianz Folge der Invarianz unter stetig aus der Identität deformierbaren Poincaré-Transformationen, d.h. beobachtet man einen physikalischen Vorgang, so muß es auch den entsprechenden CPT-gespiegelten Vorgang geben, d.h. ersetzt man alle Teilchen durch Antiteilchen (C-Spiegelung oder Ladungskonjugation), invertiert den Raum (P-Spiegelung oder Raumspiegelung) und kehrt den Zeitpfeil um (T-Spiegelung oder Bewegungsumkehr), muß sich wieder ein in der Natur möglicher Vorgang ergeben.
Nun weiß man, daß die schwache Wechselwirkung nicht nur die Raumspiegelungssymmetrie bricht, sondern auch die CP-Symmetrie, d.h. die aus einer Ladungskonjugation und Raumspiegelung zusammengesetzte Transformation. Da CPT aber eine Symmetrie sein muß, wenn die lokale Quantenfeldtheorie korrekt ist, muß auch die Zeitumkehrinvarianz durch die schwache Wechselwirkung verletzt sein.
Es erscheint aufgrund dieser Argumentation gerechtfertigt, Invarianz nur unter stetig mit der Identität zusammenhängenden Raumzeittransformationen zu verlangen.
Es ist dabei zu beachten, daß dies zunächst jedes System sein kann. Ohne den Bezug zu anderen physikalischen Vorgängen, insbesondere zur Bewegung von Körpern, können wir die Korrektheit der Annahme der Existenz einer Standarduhr nicht experimentell feststellen, d.h. die Idee von der universellen Uhr muß sich im weiteren Verlauf unserer Formulierung noch als mit der Erfahrung in hinreichender Übereinstimmung befindlich erweisen.
Wir bemerken hier nur schon im voraus, daß wir nach dem Standardmodell der Elementarteilchen davon ausgehen, daß mit den von Atomen bei elektronischen Übergängen zwischen Energieniveaus ausgesandten elektromagnetischen Wellen solche Standarduhren zu jeder Zeit und an jedem Ort (wenigstens prinzipiell) verfügbar sind. Wir postulieren dann, daß durch relativ zueinander ruhende an beliebigen Orten befindliche Beobachter mit Standarduhren gemessene Zeitabstände gleich sind.
In der Tat wird im Internationalen Einheitensystem (Systéme International oder kurz SI) die Zeit durch die Frequenz der Strahlung eines bestimmten atomaren Übergangs von Cäsiumatomen definiert. Es stellt das genaueste Einheitennormal im SI überhaupt dar.
Ebenso nehmen wir an, es gäbe einen Einheitsmaßstab. Auch dieser kann nach derzeitigem Kenntnisstand durch die Atome als mit hinreichender Genauigkeit realisiert gedacht werden.
Wir werden unten sehen, daß im Rahmen des relativistischen Raumzeitmodells eine universelle Grenzgeschwindigkeit existiert, deren Zahlenwert mit einer Einheitszeit auch eine Einheitslänge notwendig festlegt.
Für einen relativ zu einem solchen Bezugssystem ruhenden Beobachter gelten hinsichtlich der Lage- und geometrischen Eigenschaften die Gesetze der Euklidischen Geometrie. Insbesondere existiert eine universelle Längeneinheit, die sich unverändert von einem Ort zu jeden anderen Ort transportieren läßt und die Länge von Strecken an ruhenden Körpern im Sinne der euklidischen Geometrie gemessen werden können. Der Raum für einen bzgl. eines Inertialsystem ruhenden Beobachter ist also ein affin-euklidisches Kontinuum.
Allgemein ist ein Inertialsystem
durch eine in ihm ruhende
Standarduhr, die durch ihre ,,Ticks`` die Systemzeit
festlegt und durch ein kartesisches Koordinatensystem, das durch die
Befestigung dreier aufeinander senkrecht stehender Einheitsmaßstäbe
in einem beliebigen Punkt des Raumes realisiert gedacht werden kann,
so daß jeder Punkt im Raum durch die Angabe der Komponenten
des Ortsvektors
bzgl. dieses Koordinatensystems
lokalisiert werden kann. Wir schreiben für ein solches Bezugssystem
kurz
.
Wir wollen nun die Transformationsregeln zwischen den auf Inertialsysteme bezogenen Koordinaten aus diesen allgemeinen Annahmen herleiten.
Zunächst ist es für all unsere Untersuchungen nützlich, die Raum-Zeit
als einen vierdimensionalen affinen Vektorraum aufzufassen, der
allerdings nicht notwendig mit einer Metrik ausgestattet zu sein
braucht. Wir numerieren die Komponenten solcher Vierervektoren
mit oberen Indizes durch, was sich insbesondere im relativistischen
Kontext sehr bewähren wird. Wir schreiben also für Zeit- und
Raumkoordinaten von zwei Inertialsystemen
und
kurz
Bewegt sich nun der Körper bzgl. des Inertialsystems
geradlinig
gleichförmig, stellt gemäß Postulat (1) und dem Relativitätsprinzip
jeder bzgl. dieses Bezugssystems ruhende Beobachter relativ zu seiner
Uhr fest, daß die relativ zum Teilchen ruhende Standarduhr Ticks in
einem gleichmäßigen Zeitabstand aussendet, der wegen der Homogenität
und Isotropie des Raumes nur vom Betrag der Geschwindigkeit des Körpers
relativ zu ihm abhängen kann. Das bedeutet aber, daß die Systemzeit
proportional zur Eigenzeit des Teilchens sein muß. Wir können also
ganz allgemein (4.1.2) auf die Eigenzeit des Teilchens umschreiben:
Die allgemeine Transformationsformel muß folglich affin linear sein,
d.h. es existiert eine reelle invertierbare
-Matrix
und ein reeller Spaltenvierervektor
, so daß
Wir müssen nun die genaue Gestalt der Matrix
ermitteln. Dabei
kommt uns zuhilfe, daß gemäß Postulat 2 ein jeder bzgl. eines
Inertialsystems ruhender Beobachter den Raum als affin-euklidisches
Kontinuum wahrnimmt.
Wir werden nun zunächst die Bestimmung der Transformationsmatrix
auf den speziellen Fall zurückführen, daß zur Zeit
die Achsen der beiden räumlichen Koordinatensysteme parallel zueinander
ausgerichtet sind und sich der Ursprung des Systems
gegenüber dem
System
in Richtung der
-Achse mit der Geschwindigkeit
bewegt.
Offensichtlich muß dazu nur das räumliche kartesische
Koordinatensystem in
zur Zeit
so gewählt werden, daß sich der
Ursprung von
in Richtung der neuen
-Achse bewegt. Dies kann
durch eine geeignete Drehung erfolgen, die durch zwei Winkel eindeutig
bestimmt ist.
Das läßt sich leicht wie folgt zeigen. Es sei
der
Geschwindigkeitsvektor des Ursprungs von
, gemessen in
. Dieser
läßt sich mit Hilfe zweier Winkel
und
wie folgt charakterisieren:
Ebenso können wir ohne Beschränkung der Allgemeinheit annehmen, daß
der Beobachter in
zum einen den Zeitnullpunkt seiner Uhr und den
Ursprung seines räumlichen kartesischen Koordinatensystems so wählt,
daß
und
mit dem Ursprung der Raumzeitkoordinaten
bzgl.
übereinstimmen. Es sei weiter angenommen, daß der Beobachter
in
seine Koordinatenachsen durch Drehung so orientiert, daß sie
zur Zeit
parallel zu den Achsen des in
gewählten
Bezugssystems zu liegen kommen. Das läßt sich etwa durch drei
Eulerwinkel
,
und
parametrisieren, was auf die
Drehmatrix
führen möge.
Die Drehungen können wir uns in die vierdimensionale Schreibweise
integriert denken, daß wir sie einfach als unteres rechtes
-Kästchen einer
-Matrix geschrieben denken, und
sowie
für
setzen.
Dann können wir schreiben
Gl. (4.1.11) besitzt also die Gestalt
Als nächstes beweisen wir dazu das sog. Reziprozitätsgesetz,
demzufolge die Geschwindigkeit des Systems
gegenüber
gerade
sein muß.
Die gesuchten Transformationen
müssen in ihrer Gesamtheit eine
Gruppe bilden, denn transformiert man von einem Inertialsystem
in ein Inertialsystem
und von diesem in ein weiteres System
, so muß die Komposition beider Transformationen, welche direkt
von
nach
führt, aufgrund des Relativitätsprinzips wieder vom
gleichen Typ sein, d.h. die Funktionen
und
gelten für
alle Boosts in
-Richtung. Die Inertialsysteme sind vollständig durch
die Geschwindigkeit
bestimmt. Analoges gilt für die
Umkehrtransformation, welche von
zurück nach
transformiert,
d.h. für dieselben Funktionen
und
gibt es eine Geschwindigkeit
, so daß
Wegen (4.1.18) müssen nun der Definitionsbereich und der
Bildbereich von
übereinstimmen,
insbesondere also
surjektiv sein. Weiter muß
auch injektiv sein, denn aus
folgt wegen (4.1.18) zwangsläufig
.
Wir gehen weiter davon aus, daß der Definitionsbereich von
zusammenhängend ist, d.h. es muß sich um ein symmetrisches Intervall
um
oder ganz
handeln. Weiter nehmen wir an,
sei
stetig, d.h. die Transformationen gehen allesamt durch eine stetige
Abbildung aus
hervor. Dann ist aber
notwendig streng
monoton. Angenommen, es ist
und
strikt
monoton wachsend. Dann muß gelten
, d.h.
. Wegen
(4.1.16) muß dann
sein. Wegen des
Kausalitätsprinzips (4) muß allemal
gelten, so daß dann also
sein muß. Dies impliziert eine Umorientierung der
räumlichen Richtung, in der der ,,Boost`` erfolgt. Wir hatten
aber durch unsere Drehung gerade erreicht, daß die Achsen gleich
orientiert sein sollten. Wir schließen diesen Fall also zunächst
aus4.1.
Wir müssen also verlangen, daß
strikt monoton fällt. Dann
ist aber
strikt monoton wachsend und erfüllt auch sonst
alle Eigenschaften wie
. Also muß aufgrund der soeben
durchgeführten Betrachtung
oder
Wir betrachten nun die Hintereinanderausführung zweier Boosts
. Die erste Transformation führt wie bisher von
nach
(Geschwindigkeit
) und die zweite von
nach
(Geschwindigkeit
).
Aus (4.1.21) ersehen wir die Gleichheit der Diagonalelemente einer jeden
Transformation
. Bilden des
Matrixprodukts
und Vergleich der
Diagonalelemente ergibt damit nach einer einfachen Umformung die Beziehung
Wir benötigen noch eine weitere Beziehung, um schließlich auch
bestimmen zu können. Dazu betrachten wir nun eine in
ruhende
Einheitsuhr bei
, die durch zwei Ticks die Standardzeit
definieren möge. Aus (4.1.21) geht dann hervor, daß ein Beobachter
in
zwischen den beiden Ticks die Zeitdauer
Dies ist wegen des Reziprozitätsgesetzes (4.1.19) jedoch genau die
Situation für den Beobachter in
hinsichtlich einer in
ruhenden
Normaluhr. Andererseits ist jedoch die Transformation von den
Koordinaten bzgl.
zu Koordinaten bzgl.
durch die
Umkehrtransformation zu (4.1.21) gegeben. Durch Matrixinversion
erhalten wir damit
Der Fall
entspricht der Galileitransformation. Für diesen
Fall lautet nämlich (4.1.21) zusammen mit (4.1.27)
Wir müssen weiterhin den Fall
ausschließen, weil ansonsten das
Kausalitätsprinzip nicht gewährleistet wäre. Um dies zu sehen, nehmen
wir jedoch für einen Moment an, dieser Fall beschreibe eine physikalisch
sinnvolle Raumzeit. Dann darf jedenfalls
liegen. Setzen wir also
,
und schließlich
. Dann folgt für
die Transformation (4.1.21):
Kommen wir also schließlich zu dem letzten Falle
. Dann ist
notwendig
mit
und
Wir bemerken noch, daß die Galileitransformationen aus (4.1.32)
formal hervorgehen, indem man den Grenzübergang
vornimmt. Physikalisch gesehen kann man die Galileitransformation als
Näherung für (4.1.32) verwenden, wenn
ist. Die
Galileitransformation ist bis auf Korrekturen der Ordnung
korrekt, was den Erfolg der Newtonschen Physik für Geschwindigkeiten
erklärt.
Wir wenden uns nun der vollständigen Lorentzgruppe für die
-dimensionale Raumzeit zu, die wir jedoch nunmehr wegen (4.1.10)
im Prinzip bereits vollständig bestimmt haben. Allerdings ist
(4.1.10) relativ kompliziert und wird zum Glück in der Praxis selten
benötigt.
Aus der Annahme, daß das spezielle Relativitätsprinzip gilt, folgt
also, daß es physikalisch bis auf Äquivalenz genau zwei
wohlunterscheidbare Raum-Zeit-Modelle gibt, nämlich den Fall, daß
eine endliche Größe ist. Dann gibt es eine universelle
Grenzgeschwindigkeit, die ein materieller Körper nicht überschreiten
kann. Das ist die Einstein-Minkowski-Raumzeit. Für sie ist
eine Lorentztransformation. Sie läßt sich durch
zwei Drehungen und einen Boost eindeutig parametrisieren. Insgesamt
bieten die Lorentztransformationen eine Untergruppe der
Raum-Zeitsymmetriegruppe. Wie wir oben gesehen haben, ist sie insgesamt
-dimensional (zwei Winkel, um die
-Achse des räumlichen
Koordinatensystems von
in Richtung der Geschwindigkeit von
zu
legen, die Komponente
der Geschwindigkeit in der neuen
-Richtung
und drei Winkel, um die räumlichen Basisvektoren von
in Richtung
der Basisvektoren von
zu legen). Den ,,Boost`` in
-Richtung, der die Bewegung des Bezugssystems
gegenüber
beschreibt, haben wir soeben durch Ermittlung der Parameter
,
,
,
als Funktion der Geschwindigkeitskomponente
bestimmt. Wir schreiben der Übersicht halber das Resultat für die
Boostmatrix in vierdimensionaler Form noch einmal hin: