Wir schreiten nun mit der Behandlung der Einstein-Minkowskischen Raum-Zeit-Beschreibung fort. Ein Blick auf (4.1.33) lehrt uns, daß die soeben hergeleiteten speziellen Lorentztransformationen, die den Übergang von einem Inertialsystem zu einem anderen unter Beibehaltung der Orientierung der räumlichen Koordinaten beschreiben, sogenannte drehungsfreie Lorentztransformationen oder Boosts, die Eigenschaft besitzen, daß sie die Bilinearform
Wir numerieren hier und im folgenden die Komponenten der
Raum-Zeit-Vierervektoren mit oberen Indizes, die die Werte
annehmen können. Die unter Lorentztransformationen invariante
Bilinearform (4.2.1), das Minkowskiprodukt können wir dann
mit Hilfe der Matrix
diag
auch in
der Form
Wir können nun die allgemeinen Lorentztransformationen sehr einfach
dadurch charakterisieren, daß dies alle linearen eineindeutigen
Transformationen des
sind, die das Minkowskiprodukt invariant
lassen. Besonders einfach wird die Raum-Zeit-Geometrie in
Koordinatensystemen beschrieben, die im Sinne des Minkowskiprodukts
,,orthonormal`` sind, d.h. für die gilt
Eine beliebige Lorentztransformation kann nun durch eine Matrix
definiert werden, die diese orthonormalen
Basisvektoren umkehrbar eindeutig in neue orthonormale Basisvektoren
abbildet:
Die Forderung, daß auch die neuen Basisvektoren orthonormal sein sollen, ergibt
Es wird daraus sofort ersichtlich, daß auch
eine
Lorentztransformation ist. Transponiert man nämlich (4.2.9), folgt
wegen der Symmetrie von
:
Untersuchen wir nun weiter die Hintereinanderausführung von
Lorentztransformationen. Seien also
und
Lorentztransformationen. Da beide Orthonormalsysteme in
Orthonormalsysteme abbilden, ist sofort klar, daß auch ihre
Hintereinanderausführung diese Eigenschaft besitzt, so daß also auch
wieder eine Lorentztransformation
repräsentiert. Das läßt sich mit Hilfe von (4.2.8) auch leicht
formal nachweisen:
Zusammenfassend können wir also sagen, daß für jede Lorentzmatrix
auch
wieder eine solche ist. Ebenso ist für
beliebige Lorentzmatrizen
auch ihr Produkt wieder
eine Lorentzmatrix. Das bedeutet nun aber, daß die Lorentzmatrizen mit der
Matrixmultiplikation eine Gruppe bilden, die Lorentzgruppe, wie
es schon das spezielle Relativitätsprinzip verlangt. Sie wird oft auch als
O
bezeichnet, was so viel wie Orthogonale Gruppe bzgl. des
Minkowskiprodukts.
Wir werden nun diese Gruppe näher analysieren. Wir können zunächst eine wichtige Untergruppe aussondern. Bilden wir die Determinante der Bedingung (4.2.8), folgt
Wir können nun die Gruppe aber auch noch unter dem Aspekt betrachten, daß sie eine Untergruppe besitzt, die eine Liegruppe ist, und das wird sich für die Physik als besonders wichtig erweisen.
Kommen wir dazu noch einmal auf den reinen Boost in
-Richtung
zurück. Wir können sie nun viel einfacher als im vorigen Abschnitt
herleiten, indem wir verlangen, daß die Lorentzmatrix
die
folgende Gestalt haben soll
Die erste Bedingung in (4.2.14) legt die Parametrisierung
In der Tat sind die stetig mit der Identität zusammenhängenden
Matrizen, welche Boosts in
-Richtung entsprechen, durch die Wahl
des oberen Vorzeichens in (4.2.17-4.2.18) gegeben:
Der Vorteil der Wahl der Rapidität als Parameter wird offensichtlich, wenn man die Hintereinanderausführung zweier Boosts betrachtet:
Betrachten wir die Wirkung von
auf den Raumzeitvektor
, wird klar, daß
die Orientierung der
Zeitachse erhält. Deshalb heißen solche Transformationen
orthochrone Lorentztransformationen. Wir stellen also fest,
daß die stetig mit der Identität verbundenen Lorentztransformationen
durch die eigentlich orthochronen Lorentztransformationen
gegeben sind, und allein von diesen verlangen wir innerhalb der
Speziellen Relativitätstheorie, daß sie eine Symmetriegruppe
der Naturgesetze sein muß, damit dieselben mit der Raumzeitstruktur
verträglich sind. Wie schon oben bemerkt, sind die übrigen drei
Zusammenhangskomponenten der
O
tatsächlich keine
(exakten) Symmetrien der Naturgesetze, weil die Raumspiegelungsinvarianz
und mit ziemlicher Sicherheit auch die Zeitumkehrinvarianz durch die
schwache Wechselwirkung verletzt wird.
Wir wollen nun zeigen, daß diese eigentlich orthochronen
Lorentztransformationen zusammengenommen einen Normalteiler
sowohl der
O
als auch der
SO
bildet, den wir
als
SO
bezeichnen wollen. Auch die orthochronen
Lorentztransformationen für sich bilden einen Normalteiler der vollen
Lorentzgruppe, den wir als
O
bezeichnen wollen.
Dazu bemerken wir zunächst, daß die Hintereinanderausführung zweier
orthochroner Lorentztransformationen wieder eine orthochrone
Lorentztransformation darstellt. Wir müssen dazu ja nur das
-Element der zusammengesetzten Lorentztransformation untersuchen.
Seien also
und
zwei orthochrone Lorentztransformationen.
Schreiben wir nun
Daß es sich sogar um einen Normalteiler, d.h. daß die Links- und die
Rechtsnebenklassen identisch sind, sieht man sofort daran, daß die
Zeitumkehrmatrix
diag
O
ist, und daß jede Matrix
O
entweder
orthochron ist oder daß andernfalls die Matrizen
und
orthochron sind und sich dann entsprechend
schreiben läßt.
Man kann nun statt
zu diesem Zweck genausogut die ,,große
Raum-Zeit-Spiegelung''
verwenden. Diese besitzt im Gegensatz zu
die Determinante
, ist also sogar
SO
. Da nun
wegen
SO
O
SO
ebenfalls eine Untergruppe der
O
ist, muß
also
SO
in der Tat ein Normalteiler sowohl der
O
als auch der
SO
sein.
Offenbar gilt
O
SO
SO
, wobei
diag
der
Paritäts- oder Raumspiegelungsoperator ist. Wir werden sehen,
daß die diskreten Symmetrietransformationen eine wichtige Rolle in der
Physik spielen. Wir beschäftigen uns jedoch zunächst einmal mit den
eigentlich orthochronen Lorentztransformationen, die, wie
soeben gezeigt, innerhalb der Lorentzgruppe stetig mit der Identität
verbunden sind. Wir stellen fest, daß das Relativitätsprinzip nur
verlangt, daß die physikalischen Gesetze unter dieser spezielleren
Lorentzgruppe invariant sein müssen, denn nur solche Transformationen
können den Wechsel von einem Inertialsystem in eine anderes
beschreiben, also ,,aktive Transformationen`` sein.
Wir beschließen diesen Abschnitt mit der Herleitung des drehungsfreien Boosts in einer beliebigen Richtung, da wir diesen im folgenden noch öfter benötigen werden.
Dazu greifen wir am bequemsten auf (4.1.33) zurück. Die dort
angegebene Matrix beschreibt ja gerade einen drehungsfreien Boost in
-Richtung. Wir müssen nun lediglich die Wirkung dieser Matrix in
einer Basis der Raumzeitvektoren ausdrücken, die sich leicht
verallgemeinern läßt. Offensichtlich zeichnet die in beliebiger
Richtung vorgegebene Relativgeschwindigkeit
der Bezugssysteme
und
4.2 eine
Raumrichtung aus, und wir wählen geschickterweise als räumliche Basis
einen Einheitsvektor
in Richtung von
und
eine beliebige orthonormale Ergänzung, d.h. zwei Vektoren
. Wir wissen dann von (4.1.33), wie sich die
Vektorkomponenten zu transformieren haben: Die Komponente in Richtung
der Geschwindigkeit erhält einen Lorentzfaktor
, die
Komponenten senkrecht dazu bleiben ungeändert.
Die Transformationsformel für die Zeitkomponente können wir offenbar durch
Weiter bemerken wir, daß die Richtung eines rein räumlichen Vektors in
Bewegungsrichtung oder eines Vektors senkrecht dazu nicht geändert
wird, so daß keine Drehung involviert sein kann. Für einen beliebigen
rein räumlichen Vektor wird sich die Richtung allerdings ändern, da
seine Komponente in Bewegungsrichtung um den Faktor
größer
werden, während die Komponenten senkrecht dazu ungeändert bleiben.