Wie schon in der nichtrelativistischen Mechanik ist es nicht möglich, Bewegungsgleichungen aus irgendwelchen grundlegenden Prinzipien herzuleiten. Sie müssen postuliert und letztlich durch Vergleich mit dem Experiment gerechtfertigt werden.
In der Relativitätstheorie ergibt sich nun folgende Problematik: Wir haben in den vorigen Abschnitten die relativistische Kinematik aus den Symmetrieannahmen über die Raumzeit (also aus Homogenität von Raum und Zeit, Isotropie des Raumes für inertiale Beobachter und dem speziellen Relativitätsprinzip) erschlossen. Dabei hat sich herausgestellt, daß es im Fall der relativistischen Raumzeit keine instantanen Wechselwirkungen geben kann. Zunächst zeigt diese Betrachtung, daß sich kein Punktteilchen schneller als mit Lichtgeschwindigkeit bewegen kann. Es ist jedoch auch unmittelbar klar, daß es aufgrund der Einschränkung der Naturgesetze auf kausale Wirkungen keine irgendwie geartete Wechselwirkung geben kann, die sich schneller als das Licht ausbreitet, denn nur zeit- oder lichtartig zueinander gelegene Ereignisse weisen eine vom Bezugssystem unabhängige zeitliche Reihenfolge auf. Bei raumartigen Abständen kann man nämlich stets die Zeitfolge durch einen geeigneten Lorentzboost umkehren4.3. Dies schließt Fernwirkungen wie das Newtonsche Gravitationsgesetz zwischen zwei Massenpunkten grundsätzlich aus.
Es hat sich nun gezeigt, daß man diesem Dilemma am einfachsten durch die Einführung dynamischer Felder begegnet. Das heißt, statt einer Fernwirkung zwischen den Massenpunkten postuliert man die Existenz von Kraftfeldern, also kontinuierlichen eigenständigen physikalischen Entitäten, die sich entsprechend der Bewegung ihrer Quellen im Raum ausbreiten. Deren Anwesenheit äußert sich dann durch auf Massenpunkte wirkende Kräfte. Wir werden im nächsten Band dieses Skripts, bei der Behandlung der klassischen Elektrodynamik genauer auf diese Idee eingehen. Es sei jedoch angemerkt, daß eine vollständig befriedigende Formulierung einer konsistenten Theorie klassischer wechselwirkender Punktteilchen auch mit dem Feldbegriff noch nicht gefunden werden konnte. Es können nur bestimmte Näherungen betrachtet werden, von denen wir hier nur die einfachsten betrachten. Die relativistische Quantenfeldtheorie ist einer Lösung dieser Problematik schon etwas nähergekommen, indem sie wenigstens Ordnung für Ordnung der Störungstheorie physikalisch sinnvolle Resultate liefert, die zum Teil die bislang genaueste Übereinstimmung physikalischer Theorien mit der Beobachtung gezeigt haben.