Wir erklären in diesem Abschnitt ganz allgemein, wie ein idealer Meßapparat
beschaffen sein muß. Dabei verstehen wir unter einem idealen Meßapparat ein
System
, das die Messung eines vollständigen Satzes kompatibler Observabler
eines Quantensystemes
gestattet, d.h. die vollständige Festlegung des
Zustandes durch die Messung ermöglicht.
Diese Beschreibung impliziert nun aber folgende Anforderungen an das
Gesamtsystem
:
Zu Beginn der Messung zur Zeit
seien
und
separiert, so daß sich
das Gesamtsystem in einem reinen Zustand
befindet, d.h. in dem Gesamtsystem kommen sowohl
als auch
individuelle
durch
und
beschriebene Eigenschaften zu.
Der Meßvorgang selbst ist nun durch eine Wechselwirkung von
mit dem
Meßapparat
gegeben. In der Quantentheorie induziert der
Hamiltonoperator des Gesamtsystems, den wir in der Form
Es ist nun für unsere Fragestellung bequem, die Dynamik im
Wechselwirkungsbild bzgl.
zu beschreiben, d.h. ein Zustand
entwickelt sich gemäß
der Gleichung
Explizit zeitunabhängige Observablen bewegen sich dann der allgemeinen Quantendynamik zufolge gemäß
Jetzt soll unser Meßsapparat
ja den vollständigen Satz von
verträglichen Observablen
von
messen, und wir zerlegen daher den
Anfangszustand
von
nach Eigenvektoren von
, d.h. wir schreiben den Anfangsvektor des Gesamtsytems in der Form
Der statistische Operator des Gesamtsystems ist dann der Projektor
Damit nun die Trennung des Systems
vom Meßapparat
physikalisch
gerechtfertigt ist, muß nach einer Zeit
, die wir als Meßdauer
bezeichnen wollen, die Wechselwirkung
zwischen
und
vernachlässigbar sein. Dies ist in dem Sinne zu verstehen wie in der
Streutheorie, wo die Teilchen in einem asymptotisch freien Zustand präpariert
und eine große Zeit nach dem Streuvorgang wieder in einem asymptotisch freien
Zustand registriert werden.
Jedenfalls sagt uns Gl. (2), daß nach Ablauf der Meßdauer die
Zustände
in
Wir können daraus erste Folgerungen darüber ableiten, welche Eigenschaften
das System
zu einem Meßapparat für die Observablen
, beschrieben
durch einen vollständigen Satz kommutierender Operatoren
machen.
Dem quantentheoretischen Formalismus zufolge, muß das System
bei
Präparation in einem Eigenzustand von
, nämlich
nach der
Messung in genau eben diesem Zustand
bleiben, damit wirklich die
Observablen
gemessen werden, denn eben dies definiert ja im Formalismus
der Quantentheorie, was eine scharfe Messung der kompatiblen Observablen
bedeutet. Wir folgern daraus, daß bis auf eine irrelevante Phase
Weiter zeigt unsere Schreibweise in (8) schon, daß der Zustand des
Meßapparates nach der Messung von dem gemessenen Wert der Observablen
abhängen muß, und zwar derart, daß eine Ablesung eben dieses Wertes
ermöglicht wird.
Nun verlangt aber der quantentheoretische Formalismus noch viel mehr, nämlich
daß auch bei einem beliebigen Ausgangszustand, der nicht kompatibel mit dem
vollständigen Satz von Observablen
des Systems
zu sein braucht, nach
Ablesung des Meßergebnisses feststeht, daß sich das System
in eben genau
dem zu dem Meßwert gehörigen eindeutigen Eigenzustand der dazugehörigen
kommutierenden Operatoren
befindet.
Zunächst einmal ergibt aber die Anwendung des Zeitentwicklungsoperators gemäß (1) auf den beliebigen Ausgangszustand gemäß (2), (6) und (8):
Auf der anderen Seite wissen wir aber, daß die Messung ausgeführt wurde, aber wir haben noch nicht von dem Meßresultat Kenntnis genommen. Nach den Prinzipien der Quantentheorie entspricht dies aber einem gemischten Zustand, der durch den statistischen Operator
Das entspricht nämlich genau einer Wahrscheinlichkeit
, das System
, das im Zustand
präpariert wurde, durch die Messung von
in den Zustand
zu überführen (vgl. (7)).
Nun kann aber (12) mit (11) nur dann übereinstimmen, wenn beides
statistische Operatoren für reine Zustände sind, und das wäre genau dann
der Fall, wenn
bereits ein Eigenvektor von
gewesen
wäre.
Andererseits ist aber im allgemeinen Fall, d.h. wenn
nicht
verträglich mit der Messung von
ist, die zu dem statistischen Operator
(12) gehörige von Neumannsche Entropie durch
Das bedeutet aber, daß
nur dann ein idealer Meßapparat im Sinne der
Quantentheorie sein kann, wenn es gerechtfertigt ist, den Informationsgehalt,
der in den Außerdiagonalelementen
steckt, zu
vernachlässigen. Dieser Verlust an Information wird aber dadurch erreicht,
daß wir das System
vom Meßapparat
gedanklich trennen, d.h. die
wesentliche Eigenschaft des Meßapparates, die durch die vermöge
beschriebenen Wechselwirkung des Quantensystems mit
gegeben ist, besteht
darin, daß die Projektion auf die für
relevante in
enthaltene Information auf das Gemisch (12) führt. Das bedeutet aber,
daß
Da hierin
als linearer Operator im Liouvilleraum (in der
Literatur auch als Superraum bezeichnet) durch die Wirkung auf direkte
Produkte gemäß
Diese Bedingung macht die Trennung von
vom Meßgerät
insofern
sinnvoll, als dadurch sichergestellt wird, daß die Ablesung des Meßgeräts
nach einer Messung von
mit dem Meßgerät
dem System
objektiv die
Eigenschaften, die durch
beschrieben werden, zugeordnet werden können. Wir
haben auch gesehen, daß nur in dem Fall, daß
bereits in einem
Eigenzustand von
präpariert war, das Resultat der Messung eindeutig
determiniert ist, andernfalls kann nur ausgesagt werden, daß das Resultat
mit der Wahrscheinlichkeit
sein wird.
Andererseits haben wir gesehen, daß wir durch die Objektivierung, d.h. die
Trennung des Systems
vom Meßapparat
nach der Messung,
gezwungen waren, auf Information zu verzichten. Es erhebt sich die
Frage, inwiefern dies aufgrund der physikalischen Situation
gerechtfertigt ist.
Diesem Problem können wir uns von einer anderen Seite nähern. Nach
Beendigung des Meßvorgangs wird das Gesamtsystem aus
und
zunächst
durch den Zustand
gemäß (11) bzw. dazu äquivalent durch
den dazugehörgen statistischen Operator
(12)
beschrieben. Dieser Zustand ist aber durch Anwendung des unitären
Zeitentwicklungsoperators auf den Anfangszustand des Gesamtsystems gewonnen
worden. Der resultierende Zustand läßt sich aber rein formal durch Anwendung
des entsprechenden Umkehroperators wieder in den Ausgangszustand
zurücktransformieren. Praktisch bedeutet dies aber, daß wir das Gesamtsystem
in dem zeitumgekehrten Zustand präparieren müssen, um dies zu erreichen.
Der Grund für diese grundsätzliche Umkehrbarkeit ist aber gerade durch die
kohärente Überlagerung der Zustände bedingt. Soll nun die Objektivierung
durch Trennung von
und
physikalisch gerechtfertigt sein, muß die
durch den oben berechneten Entropiezuwachs manifestierte Irreversibilität des
Meßprozesses gewährleistet sein, d.h. die prinzipiell mögliche
Umkehrbarkeit der durch die Wechselwirkung zwischen
und
verursachten
Zeitentwicklung muß praktisch auszuschließen sein. Eine ähnliche Situation
liegt aber gerade für ein makroskopisches System vor, denn es ist praktisch
völlig unmöglich, von einem System aus
Teilchen auch nur den
Zustand zum Anfangszeitpunkt zu kennen. Selbst wenn wir die Kenntnis des
genauen Ausgangszustandes voraussetzen, ist es doch unmöglich, den Zustand
nach der Wechselwirkung von
und
in den zeitumgekehrten Zustand zu
überführen. Dies begründet aber die Bohrsche Feststellung, daß ein
Meßapparat stets von makroskopischen Dimensionen sein muß.
Damit ist auch geklärt, warum die uns im täglichen Leben umgebenden makroskopischen Körper selbst sich klassisch verhalten, denn sie selbst besitzen so viele mikroskopische Freiheitsgrade, daß die grundsätzliche Reversibilität faktisch nie zu beobachten sein wird, d.h. das System wird allein durch die Wechselwirkung der mikroskopischen Freiheitsgrade untereinander in ein Gemisch überführt, das zu klassischen Gesetzmäßigkeiten für die Beschreibung des makroskopischen Körpers benutzten Observablen führt.
Aber auch mikroskopische Objekte können durch Wechselwirkung mit einer makroskopischen ``Meßapparatur'' oder der faktischen Unmöglichkeit, äußere Einflüsse komplett auszuschalten, klassisches Verhalten aufweisen. Ein Beispiel ist ein Teilchen in einer Nebelkammer, das eine Spur hinterläßt, die sich durch klassische Bewegungsgleichungen hervorragend beschreiben lassen. Im folgenden Abschnitt wollen wir dies anhand einer einfachen Modellrechnung nachvollziehen.
Diese Überlegungen zeigen, daß die Ablesung des Resultats der Messung, etwa der Zeigerstellung eines Apparats nunmehr eine ``klassische Angelegenheit'' ist. Insbesondere bereitet dies erkenntnistheoretisch nicht mehr Probleme als die Ablesung des Resultats einer rein klassischen Zufallsexperiments (etwa des Wurfes einer Münze). Selbst die Begründung für die ``Zufälligkeit'' ist nahezu die gleiche: Beim Wurf einer Münze kennen wir nicht die exakten Anfangsbedingungen der Bewegung. Auch im Fall der Quantenmechanik kennen wir nicht die genauen Anfangsbedingungen bzgl. der nichtobjektiven Eigenschaften des Systems.
Der Unterschied beider Situationen besteht freilich darin, daß im Falle des Münzwurfs als einem ``klassischen Zufallsexperiment''1 prinzipiell eine Determinierung des Resultats möglich wäre indem man die Anfangsbedingungen (etwa durch Bau einer geeigneten Wurfvorrichtung) genau vorgibt. Die (in dem Fall ja ausdrücklich gewünschte) Indeterminiertheit kommt also durch einen bewußten Verzicht auf vollständige Information über die Anfangsbedingungen zustande, die prinzipiell aber doch durch geeignete Präparation verfügbar wäre.
Im Falle der Messung einer nichtobjektiven Observablen an einem Quantensystem liegt genau die gleiche Situation vor: Wir besitzen bzgl. der zu messenden Observablen nicht die vollständige Information, und können daher auch nur statistische Aussagen machen. Es ist aber der Quantentheorie zufolge prinzipiell unmöglich, die vollständige Information über die nichtobjektive Obserable zu gewinnen, ohne die vorher erfolge Präparation des Systems zu zerstören. Es sind eben prinzipiell nicht mehr alle möglichen Observablen gleichzeitig objektiv.
Dies ist insofern aber auch erkenntnistheoretisch unproblematisch, weil die simultane Objektivität aller überhaupt denkbaren Observablen eines Systems ein stillschweigend vorausgesetztes Postulat der klassischen Physik ist. Es ist also eher als ein echter Erkenntnisgewinn der Quantentheorie auf der fundamentalsten Ebene unserer Naturerkenntnis gesehen werden, als ein Verlust in dem Sinne der Gegner der Quantentheorie (z.B. Einstein, Schrödinger, de Broglie).