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Was ist Tunnelgeschwindigkeit?
Die Frage ist komplizierter als man meinen mag. Wie ein Blick auf
Abbildung 4 zeigt, gibt es da mehrere anscheinend
gleichwertige Möglichkeiten (Abbildung 4). Zunächst
einmal gibt es zwei Frontgeschwindigkeiten: Die Geschwindigkeit, mit
der sich der Punkt bewegt, an dem einen bestimmte Energiemenge
übertragen wurde (1) (die Ordinate in Abbildung 4 stellt
die Intensität dar, hat also die Dimension
Energie/(Zeit
Fläche); die Abszisse hat die Dimension Zeit, also
ist die Fläche unter der Kurve der Energiemenge des Signals
proportional), und die Geschwindigkeit, mit der sich der Punkt bewegt,
an dem eine bestimmte Schwellenintensität überschritten wird (2). Dann
gibt es natürlich die Geswchwindigkeit, mit der sich das Maximum des
Wellenpakets bewegt (3), die identisch sein kann (aber natürlich nicht
sein muß) mit der Schwerpunktsgeschwindigkeit des Wellenpakets
(4). Schließlich kann man die Paketgeschwindigkeit auch definieren als
die Geschwindigkeit, mit der sich der Punkt bewegt, and dem das ganze
Paket ,,durch`` ist (5).
Abbildung 4:
Es gibt mehrere Möglichkeiten, eine Tunnelgeschwindigkeit zu
definieren.
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Nun ist es, wenn man sich die Frage nach superluminalem Tunneln
stellen will, nicht egal, über welche dieser Geschwindigkeiten man
redet. Es ist ja nicht jede Größe der Dimension Strecke/Zeit eine
physikalisch realisierte Geschwindigkeit.
Ein Beispiel: wenn man etwa einen Laserstrahl auf die Mondoberfläche
richtet, und den Laser dann zur Seite bewegt, so bewegt sich der
Lichtpunkt auf der Mondoberfläche mit beliebig großer Geschwindigkeit;
wenn der Laser schnell genug bewegt wird, auch schneller als das
Licht. Tatsächlich aber werden nur jeweils andere Stellen der
Mondoberfläche vom Licht beschienen; es ist nicht so, daß der
Lichtpunkt eine physikalische Entität wäre, die sich tatsächlich mit
bewegen könnte. Wenn etwa ein Mensch auf der Erdoberfläche
mit den Fingern schnippt, und eine halbe Sekunde später ein Astronaut
auf dem Mond dasselbe tut, kann man ja nicht sagen, das
Fingerschnippen habe sich von der Erde zum Mond bewegt.
Um hier ein klares Konzept zu haben. über das man mißverstädnisfrei
reden kann, hat man die Idee der
Informationsübertragungsgeschwindigkeit entwickelt: Wenn man in
einem Experiment oder mit einem experimentellen Aufbau Information
übertragen kann, hat man zweifellos eine reale physikalische
Entität von einem Ort zum anderen übertragen. Wenn man das mit
Unterlicht- oder Lichtgeschwindigkeit machen kann, ist das nicht
speziell interessant, ersteres kann jede Brieftaube ja schließlich auch.
Hat man aber in einem Experiment Information mit
Überlichtgeschwindigkeit übertragen, dann hat die theoretische Physik
ein hochinteressantes Problem und man selbst den nächsten Nobelpreis
sicher.
Was ist nun Informationsübertragung? Das oben erwähnte Fingerschnippen
sicher nicht. Daß der Astronaut auf dem Mond eine bestimmte Zeitspanne
nach dem Experimentator mit den Fingern schnippt, ist entweder Zufall
oder vorher abgesprochen. In keinem Fall wird das Fingerschnippen auf
der Erde das auf dem Mond beeinflussen. Wenn der Experimentator sich
kurzfristig entschließt, statt eines vorher vereinbarten Signals das
erste Kapitel von Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer im
Morsecode zu schnippen, so wird das der Astronaut frühestens mit der
üblichen
sekündigen Verzögerung erfahren; diese Information
kann also höchstens mit Lichtgeschwindigkeit übertragen werden.
Welche der obigen Definitionen für das Konzept
Informationsübertragungsgeschwindigkeit ist nun die sinnvollste? Nun,
Diskussionen über Definitionen hat die Physik schon öfter gehabt, und
in aller Regel hat sich schließlich diejenige Definition durchgesetzt,
die experimentell realisierbaren und meßbaren Größen am nächsten kam.
Hier muß man sich also zwei Fragen stellen: (a) Wie ist ein Detektor
technisch zu realisieren, der Information im Sinne der Definitionen
(1)-(5) mißt, und (b) Kann man ein Protokoll festlegen, mit dem ein
Experimentator am Emitter einem Kollegen am Detektor tatsächlich
Informationen (sagen wir die gerade gezogenen Lottozahlen) mit dem
unter (a) beschlossenen Aufbau und der jeweiligen Geschwindigkeit auch
wirklich übermittelt?
Die Antworten auf die Frage (a) sind relativ klar.
- (1)
- Jedes fotografische Material arbeitet nach diesem Prinzip.
Die Lichtintensität wird über einen bestimmten Belichtungszeitraum
aufintegriert, und wenn sie einen (durch die spezifischen
Eigenscahften des Materials und die Details des
Entwicklungsverfahren) bestimmten Schwellenwert überschreitet,
erscheint an der entsprechenden Stelle im Negativ ein dunkler Punkt.
- (2)
- Auch die reine Intensität ist meßbar, wenn auch nur über
einen Umweg: man muß die aufintegrierte Signalintensität regelmäßig
zurücksetzen, etwa durch Wechsel des Fotomaterials. Generell
formuliert: (1) entspricht einem Meßgerät, bei dem die Zeitantwort
auf einen Deltapuls die Heavisidefunktion ist, (2) entspricht einem
Meßgerät, dessen Impulsantwort im Zeitbereich zerfällt. Mikrophone
funktionieren auf diese Weise.
- (3)
- Ein Detektor, der das Maximum bestimmt, ist identisch mit
einem Detektor nach (2), aber mit zwei Erweiterungen: er muß erstens
empfindlicher sein (da er das Maximum vom Rest des Signals
unterscheiden können muß), respektive bei gleicher Empfindlichkeit
eine höhere Signalintensität verlangen und kann damit das Signal aus
Abbildung 4 erst später detektieren als der Detektor
(2), und zweitens muß er, um das Maximum bestimmen zu können, bis
nach dem Maximum warten (der Begriff Maximum ist ja
ganz allgemein kein lokaler Begriff, sondern eine Eigenschaft eines
Wertebereichs).
- (4)
- Für diesen Detektor gelten dieselben Einschränkungen. Der
Schwerpunkt eines Signals ist eine Funktion des ganzen Signals, kann
also nicht bestimmt werden, solange erst ein Teil des Signals
empfangen wurde.
- (5)
- Dieser Detektor ist offensichtlich nur in verlustfreien
Umgebungen zu konstruieren. In einem Tunnelexpereiment, in dem ein
Teil des Eingangssignals reflektiert wird, also den Detektor gar
nicht erreicht, ist diese Geschwindigkeit strenggenommen immer null.
Frage (b) ist nicht so trivial:
- (1)
- Hier ist die Informationsübertragungsgeschwindigkeit
maximal gleich der Gruppengeschwindigkeit des Informationsträgers,
also kleiner oder gleich der Lichtgeschwindigkeit. Wenn also jemand
von der Erde mittels Laserstrahl die Lottozahlen auf den Mond
übermitteln will (beispielsweise kodiert in der Frequenz des
verwendeten Laserlichts) und einen Strahl verwendet, der die
geforderte Energiemenge innerhalb einer Sekunde abstrahlt, so
vergeht (a) eine Sekunde, bis die Energie abgestrahlt wurde, und (b)
weitere 1.2 Sekunden, bis sie den Mond erreicht hat. Vom Beginn der
Übertragung an sind 2.2 Sekunden vergangen, bis der Astronaut das
Signal empfangen hat, und die
Informationsübertragunsgsgeschwindigkeit ist etwa halb so groß wie
die Lichtgeschwindigkeit. Höhere Signalintensität führt zu höherer
Übertragungsgeschwindigkeit, aber
ist die Grenze.
- (2)
- Nehmen wir an, der Laser brauche eine Sekunde, um die
geforderte Signalintensität zu erreichen (oder die Frequenz so
einzustellen, wie es das Übertragungsprotokoll und die gerade
ermittelte Lottozahl verlangt). Dann braucht die eigentliche
Übertragung ebenfalls 2.2 Sekunden, und die Situation ist mehr oder
weniger identisch zur obigen. Ein (theoretischer) Unterschied
besteht: Nehmen wir an, ein gebe einen zweiten baugleichen Sender
und einen zweiten Astronauten, der ebenfalls daran interessiert ist,
die Lottozahlen möglichst unverzüglich zu erfahren. Zwischen Erde
und Mond befinde sich nun eine Relaisstation mit einem Gerät,
welches die erste halbe Sekunde des Signals ,,sammelt``, und
dann ohne weitere Verzögerung auf einmal abstrahlt. Dann würde der
erste Laser eine ganze Sekunde benötigen, um die Schwellenintensität
zu erreichen, der zweite aber nur eine halbe. Das zweite Signal wäre
schneller als das erste. Man könnte dann behaupten, daß, da der
erste Sender offensichtlich Licht und damit auch
Infomrationsübertragung mit Lichtgeschwindigkeit benutze, der zweite
Sender offensichtlich seine Information schneller als der erste und
damit mit Überlichtgeschwindigkeit übertrage. Dieser Einwand ist,
wie man leicht einsieht, Unsinn. Der zweite Sender nutzt ja gerade
die Tatsache aus, daß Sender eins die Information eben nicht mit
Lichtgeschwindigkeit sondern deutlich langsamer überträgt. Die
scheinbare Überlichtgeschwindigkeit resultiert hier aus einer
simplen Verformung des Signals.
- (3)
- In diesem Fall ist es unmöglich, ein Übertragunsgsprotokoll
zu finden, das nicht langsamer ist als in (2). Verwendet der Sender
feste Pulsformen, so steht die zeitliche Position des Maximums schon
bei Beginn des Pulses fest, und zwar nach allen
Zeitpunkten, an denen eine Detektion nach (2) möglich wäre, denn
um detektiert zu werden, muß das Maximum eine Intensität aufweisen,
die oberhalb der Detektorschwelle liegt. Sender
und Empfänger könnten sich etwa auf ein Sägezahnsignal
(kontinuierlich intensiver werdend und dann abrupt abfallend)
einigen, und auf ein Protokoll, nach dem die Information etwa in der
Dauer des Anstiegs kodiert ist. Es ist leicht einzusehen, daß hier die
maximale Übertragungsgeschwindigkeit ebenfalls
nicht
überschreiten kann.
- (4)
- Die maximale Übertragungsgeschwindigkeit ist hier durch die
Geschwindigkeit gegeben, mit der der gesamte Puls übermittelt wurde.
Das Problem, das sich hier ergibt (wann weiß der Empfänger, daß der
gesamte Puls eingetroffen ist?), wurde oben beschrieben.
Grundsätzlich können Sender und Empfänger sich einigen, nur
Intensität aus einem bestimmten Zeitfenster als Signal zu
betrachten, aber dann ist die Zeit, die die Übertragung braucht,
gegeben durch die Zeit, die der Informationsträger benötigt plus der
Breite dieses Zeitfensters, und die resultierende Geschwindigkeit
ist auf jeden Fall kleiner als
.
- (5)
- Hier gilt dasselbe wie für (4).
Generell sollte man Fragen wie die nach der Geschwindigkeit, mit der
Information übertragen werden kann, nie stellen, ohne ein Experiment
oder ein Übertragungsprotokoll zu diskutieren, mit dem die in der
Frage vorkommenden Phänomene auch experimentell erfaßt werden können.
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