Im folgenden will ich versuchen, ein Grundlagenexperiment [WTPM02] zur Quantentheorie im Rahmen der ,,minimalen Interpretation`` zu erklären. Das Besondere an dieser Art von Experimenten ist gerade, daß nur die einfachsten Grundkonzepte der Quantentheorie notwendig sind, um ihr Prinzip zu verstehen. Sie sind in Gestalt von ,,Gedankenexperimenten`` schon seit Jahrzehnten bekannt, insbesondere in den berühmten Debatten zwischen Bohr und Einstein [EPR35,Boh35], die bekanntlich in der Erfindung des ,,EPR-Paradoxons`` ihren Höhepunkt gefunden haben.
Wir benötigen im folgenden nur einfachste Rechnungen mit diskreten Observablen, um quantentheoretisch zu verstehen, was bei diesem Experiment geschieht. Dabei werden gleichzeitig Extremfälle nichtklassischen Verhaltens quantenmechanischer Systeme überprüft, und das macht diese Experimente so interessant, nicht zuletzt auch in didaktischer Hinsicht, denn sie dürften wohl in den Physikleistungskursen unserer Schulen durchaus vermittelbar sein.
Welche quantenmechanischen Grundlagen benötigen wir also? Zunächst
müssen wir uns daran erinnern, daß quantenmechanische (reine)
Zustände durch Vektoren
in einem abstrakten Hilbertraum
beschrieben werden, die zu
normiert sind:
2.
Die physikalische Bedeutung der Zustände, also die (minimale)
Interpretation der Quantentheorie, die man benötigt, um sie auf reale
Systeme anzuwenden, lautet, daß die Wahrscheinlichkeit dafür, daß ein
im Zustand
präpariertes System, in einem anderen Zustand
vorgefunden wird,
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Observablen werden durch selbstadjungierte Operatoren, die im Hilbertraum der Zustände operieren, beschrieben, und einer Observablen kommt genau dann ein scharfer Wert zu, wenn das System in einem Eigenzustand des die Observablen repräsentierenden Operators präpariert ist. Man mißt dann mit Sicherheit den dazugehörigen Eigenwert des Operators. Die Eigenwerte des Operators sind die einzig möglichen Meßwerte der durch ihn beschriebenen Observablen.
Um scheinbare intrinsische Widersprüche (,,Paradoxa``) zu vermeiden, muß man sich dabei klar machen, daß außer in dem speziellen Fall, daß ein System im Eigenzustand einer gerade zu vermessenden Observable vorliegt, nur Wahrscheinlichkeitsaussagen möglich sind, da der Zustandsbegriff über Wahrscheinlichkeiten definiert ist, d.h. die Aussagen der Quantentheorie beziehen sich stets auf Ensembles gleichartig präparierter Einzelsysteme, nicht auf ein einzelnes System. Einer Observablen eines einzelnen Systems kommt nur dann ein bestimmter Wert zu, wenn es in einem Eigenzustand des dazugehörigen selbstadjungierten Operators präpariert ist. Daß eine solche Präparation vorliegt, kann man freilich wieder nur am Ensemble nachweisen, indem man an jedem Einzelsystem desselben die Observable mißt und stets denselben Wert, eben den Eigenwert des entsprechenden Operators findet3
Schließlich müssen wir noch wissen, welche Zustände ein Photon, also ein Feldquant des elektromagnetischen Feldes, annehmen kann. Ich will hier nun nicht die recht komplizierte Darstellungstheorie der Poincarégruppe, die man etwa in [Wei95,van02] finden kann, bemühen, sondern mehr heuristisch argumentieren.
Wir müssen uns dazu nur von der klassischen Elektrodynamik her
erinnern, daß das elektromagnetische Feld ein Vektorfeld ist, das der
Wellengleichung genügt. Betrachten wir z.B.
und
als
das elektromagnetische Feld. Das hat den Vorteil, daß wir mit
beobachtbaren und folglich eichinvarianten Größen operieren. In
unserem Falle ist dies legitim, weil wir nur mit freien Photonen
operieren müssen, da wir die Wechselwirkungen derselben mit Ladungen
nicht explizit zu betrachten brauchen. Es sei hier der Vollständigkeit
halber nur erwähnt, daß man in der QED das Viererpotential einführen
muß, um die den Erfahrungstatsachen entsprechende ,,minimale
Kopplung`` des Photonenfeldes an geladene Materieteilchen
(z.B. Elektronen oder geladene Pionen etc.) zu beschreiben.
Betrachten wir also
und
im Vakuum, müssen wir uns
nur erinnern, daß die ebenen Wellen entsprechenden Lösungen der
ladungs- und stromfreien Maxwellgleichungen transversal sind,
d.h.
und
sind senkrecht zur Ausbreigungsrichtung der
Welle gerichtet (und stehen ihrerseits senkrecht
zueinander). Wellenvektor und Kreisfrequenz stehen in der Beziehung
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Besonders geeignet ist dabei auch die Helizitätsbasis. Zu jedem
wählt man dann zirkular polarisierte Wellen. Dabei gibt es
eine links- und eine rechtszirkular polarisierte Welle.
Wir wählen ohne Beschränkung der Allgemeinheit
. Dann ist eine rechts- bzw. linkszirkular polarisierte ebene
Welle durch
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Betrachtet man nun die Theorie des quantisierten Feldes, also Photonen,
kann man eine vollständige Basis des Hilbertraums als den
verallgemeinerten Zuständen, die diesen ebenen Wellen als Moden
entsprechen, verwenden. Dies entspricht Photonen mit einem bestimmten
Impuls und einer bestimmten Helizität, wobei die Helizität als die
Projektion des Spins auf die Bewegungsrichtung aufgefaßt werden kann,
d.h. rechts- bzw. linkszirkular polarisierte Photonen sind solche, bei
denen der Spin in Richtung bzw. entgegengesetzt zur Richtung des
Impulses präpariert ist. Die Helizität ist eine diskrete Observable,
die genau die Werte
entsprechend rechts- und linkszirkular
polarisierten Lichtes annehmen kann.
Genausogut können wir freilich auch linear polarisierte Photonen als Basiszustände verwenden, und das wird weiter unten noch eine wichtige Rolle spielen.
Damit sind wir schon vollends gerüstet, um das Quantenradiererexperiment, das wir im folgenden beschreiben wollen, zu verstehen.
Im folgenden betrachten wir nacheinander den Doppelspalt, den Doppelspalt unter Gewinnung von ,,Welcher-Weg-Information`` und schließlich das eigentliche Quantenradiererexperiment.