Jetzt ändern wir den Versuch ab, indem wir die Photonen selbst verwenden, um zu markieren, durch welchen Spalt sie gekommen sind.
Wir nehmen wieder an, daß wie zuvor die Photonen in
-Richtung
polarisiert sind und durch ebene Wellen bestimmter Frequenz beschrieben
werden können. Jetzt befestigen wir aber vor den Spalten sogenannte
-Plättchen.
Diese nutzen den Effekt anisotroper Materialien aus, daß es
ausgezeichnete zueinander senkrecht stehende Richtungen4, die sogenannten optischen Hauptachsen dieses Materials
gibt, so daß Licht, das entlang einer dieser Achsen einfällt,
unterschiedliche Phasengeschwindigkeit besitzt, je nachdem ob es in der
einen oder anderen Richtung (senkrecht zur Ausbreitungsrichtung der
Welle) polarisiert ist. Man spricht entsprechend auch von der
,,schnellen`` bzw. ,,langsamen`` Achse des
Kristalls. Das
-Plättchen ist gerade so geschnitten, daß
die eine optische Hauptachse senkrecht zur Schnittfläche steht.
Zum Verständnis des Experiments brauchen wir nur zu wissen, daß linear
polarisierte Photonen, die das
-Plättchen durchlaufen, je
nach Winkelstellung der optischen Hauptachsen des elektrisch anisotropen
Materials relativ zur Polarisationsrichtung durch den Phasenunterschied
der Polarisationsanteile aufgrund der unterschiedlichen
Phasengeschwindigkeit derselben elliptisch polarisiert
werden. Hier befestigen wir je ein
-Plättchen in den
Spalten, so daß ihre ,,schnelle Achse`` im Winkel von
bzw.
zur
-Richtung stehen. Dadurch entsteht
aus den in
-Richtung polarisierten Photonen, die durch Spalt 1
(Spalt 2) laufen linkszirkular (rechtszirkular) polarisierte Photonen.
Bezeichnen wir mit
und
die
Polarisationszustände für in
- bzw.
-Richtung polarisierte
Photonen, dann bezeichnen
Da
und
ein Orthonormalsystem im Raum der
Polarisationszustände bilden, ist dies auch für
und
der Fall.
Durch diese Anordnung der
-Plättchen sind aber nun Photonen,
die durch Spalt 1 gelaufen sind, von Photonen, die durch Spalt 2
gelaufen sind, wohl unterscheidbar: Man muß hinter dem Doppelspalt nur
messen, ob das Photon links- oder rechtszirkular polarisiert ist, um zu
wissen, ob es durch Spalt 1 oder Spalt 2 gelaufen ist.
Wir können aber auch ausrechnen, mit welcher Wahrscheinlichkeit die
Photonen nun einen bei
aufgestellten Detektor ansprechen lassen. Wir
müssen jetzt den Zustand nur etwas ausführlicher hinschreiben, indem
wir die unterschiedliche Polarisationsrichtung berücksichtigen:
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Es ist dabei vollkommen ausreichend, daß die ,,Welcher-Weg-Information`` prinzipiell durch Messung der Polarisation des Photons jenseits des Doppelspaltes bestimmbar ist. Wir müssen diese Messung nicht wirklich ausführen, um das Interferenzmuster zum Verschwinden zu bringen. Allerdings kommt nun jedem Photon durch die Markierung über den Polarisationszustand mit Sicherheit das Attribut zu, durch welchen Spalt es gelaufen ist.
In dem ursprünglichen Experiment ohne
-Plättchen war es
prinzipiell nicht möglich, durch irgendwelche Messungen in Erfahrung zu
bringen, ob ein bestimmtes Photon, das bei
den Detektor trifft,
durch Spalt 1 oder durch Spalt 2 dorthin gelangt war. In diesem Falle
überlagern sich also die beiden Möglichkeiten kohärent,
während im abgeänderten Experiment durch die Einführung der
-Plättchen sichergestellt war, daß prinzipiell von jedem
Photon bekannt ist, durch welchen Spalt es gelaufen ist. Das
Interferenzmuster verschwindet dann, weil sich die beiden
Möglichkeiten, zum Detektor zu gelangen, aufgrund der Orthogonalität
der die Welcher-Weginformation encodierenden Polarisationszustände
inkohärent addieren.
Durch die Orthogonalität der Zustände ist sichergestellt, daß wir mit
Gewißheit in Erfahrung bringen können, durch welchen Spalt
jedes Photon gelaufen ist. Wir können freilich mit Hilfe der
Plättchen auch nicht-orthogonale Polarisationszustände
erzeugen, indem wir das eine Plättchen gegen das andere nicht um genau
verschieden ausrichten. Dann erhält man ein
Interferenzmuster mit nicht ganz so starkem Kontrast wie vorher, es sei
denn wir stellen beide
-Plättchen in exakt im gleichen
Winkel auf. Wählen wir etwa für beide
-Plättchen genau
, ergibt sich statt des Zustandes 9 nunmehr
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Bei einer beliebigen relativen Stellung der Plättchen zueinander,
ergibt sich vermöge der Messung des Polarisationszustandes des Photons
eine bestimmte Wahrscheinlichkeitsaussage, durch welchen der beiden
Spalte es gekommen ist, die von der Wahrscheinlichkeitsverteilung der
größtmöglichen Unkenntnis, also daß es mit der Wahrscheinlichkeit
durch den einen oder anderen Spalt gelangt ist, verschieden ist,
d.h. man erhält ggf. etwas mehr Gewißheit, daß es vielleicht eher
durch Spalt 1 gekommen sein mag, was natürlich nicht bedeutet, daß wir
dann wie in der Idealanordnung, die wir gerade oben beschrieben haben,
mit Gewißheit wissen, durch welchen Spalt es auf den Schirm gelangt
ist.
Dies ist die typische Situation für die Eigenschaft der Mikrowelt, die Bohr als Komplementarität bezeichnet hat: Die Interferenzfähigkeit und die Kenntnis, durch welchen Spalt ein Photon gelangt ist, wurde als ,,komplementäre Eigenschaften`` der Photonen bezeichnet: Je genauer man den Weg kennt, den die Photonen genommen haben, desto unschärfer wird das Interferenzmuster und vice versa. Diese Art Komplementarität war auch als ,,Welle-Teilchen-Dualismus`` bekannt.
Aus Sicht der hier vertretenen minimalen Interpretation der Quantentheorie, wonach der Zustand nicht einzelne Photonen sondern lediglich unsere Kenntnis über die statistischen Eigenschaften von Photonenensembles beschreibt, ist dies freilich eine recht leere Aussage: Die Quantentheorie beschreibt gar nicht das einzelne Photon, und es ist weder sinnvoll, ein Photon als klassisches Teilchen noch es als klassische Welle anzusehen! Wir kommen auf diese fundamentalen Fragestellungen zur Interpretation der Quantentheorie zum Schluß dieses Artikels noch ausführlicher zu sprechen.