Nun wenden wir uns einer spezifisch quantentheoretisch motivierten Versuchsanordnung zu. Dabei machen wir Gebrauch von der spezifisch quantenmechanischen Möglichkeit der Verschränkung. Zur Vereinfachung betrachten wir sogenannte maximal verschränkte Photonenpaare.
Diese können heutzutage im Labor standardmäßig erzeugt werden. Dabei wird mittels eines Lasers ein doppelbrechender Kristall zum spontanen Emittieren von verschränkten Photonenpaaren, wobei jedes Photon die halbe Frequenz des einfallenden Laserlichtes besitzt, angeregt (,,parametric downconversion``). Der maximalen Verschränkung entsprechen die beiden folgenden Polarisationszustände, die man auch als Bell-Zustände bezeichnet:
Welcher quantenmechanische Zustand kommt nun einem der beiden Photonen
zu? Dazu müssen wir nur den reduzierten statistischen Operator
für z.B. das
-Photon ausrechnen, d.h. wir müssen die Spur über das
-Photon bilden5:
Das ist im Rahmen der statistischen Interpretation wieder nicht so
verwunderlich, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag: Der Zustand
(12) entspricht ja einem Ensemble gleichartig präparierter
Photonenpaare, und (13) beschreibt das Ensemble der
Einzelphotonen in dem Paar, welches bei
gemessen wird. Ein in
-Richtung ausgerichteter Polarisationsfilter wird im Mittel die
Hälfte der Photonen durchlassen, und die andere Hälfte absorbieren,
d.h. die Photonen bei
sind unpolarisiert. Wir können nicht
voraussagen, ob ein einzelnes Photon in
- oder
-Richtung polarisiert ist.
Andererseits ist aber vollkommen determiniert, in welchem
Polarisationszustand sich das
-Photon befindet, sobald wir
festgestellt haben, in welchem Zustand sich das
-Photon
befindet. Angenommen, wir betrachten nur das Teilensemble, bei denen das
-Photon in
-Richtung polarisiert ist. Der Zustand des
-Photons dieses Teilensembles ist dann aufgrund des
Projektionspostulats wie folgt bestimmt:
| (14) |
Es ist daher freilich auch gleichgültig, ob wir erst die
-Polarisation bei
und dann die
-Polarisation bei
konstatieren oder umgekehrt: Stets kommen entweder beide Photonen
durch oder es werden beide absorbiert. Wir können die eine oder andere
Reihenfolge der Registrierung einfach dadurch erreichen, daß wir den
einen Polarisationsfilter weiter von der Quelle entfernt aufstellen als
den anderen.
Wir stellen hier schon fest, daß der berechtigte Einwand von Einstein,
Podolsky und Rosen gegen die Kopenhagener Auffassung vom ,,Kollaps
des Zustandes`` durch die minimale statistische Interpretation
vollkommen eliminiert ist: Es sind keinerlei ,,spukhafte
Fernwechselwirkungen`` zwischen dem Polarisationsfilter bei
mit
dem Photon bei
notwendig, um die
-Korrelationen zu erklären,
sie sind durch die statistischen Eigenschaften der im verschränkten
Zustande (12) präparierten Photonenpaare gegeben, und in
diesem Zustande ist das Photonenpaar präpariert worden, bevor
die Polarisationszustände der Einzelphotonen gemessen werden.
Freilich bedeutet die minimale statistische Interpretation den Verzicht auf die Beschreibung eines einzelnen Photonenpaares. Der Zustandsvektor dient einzig der Beschreibung eines Ensembles gleichartig präparierter Systeme. Dem Einzelsystem kommt der quantenmechanische Zustand aufgrund einer geeigneten Präparationsvorschrift zu. Dieser Zustand kann aber nicht aufgrund einer Messung an einem einzelnen System festgestellt werden, sondern nur durch hinreichend viele Messungen an einem Ensemble solcherart präparierter Einzelsysteme. Der ,,Kollaps des Zustandes`` bedeutet in diesem Sinne nicht mehr als die Feststellung eines Einzelereignisses und der Neuzuordnung eines Polarisationszustandes aufgrund dieser gewonnen Erkenntnis. Wir verzichten also auf eine Beschreibung des Einzelsystems durch bestimmte diesem System zugeordnete physikalische Entitäten. Wir kommen auf diese Problematik weiter unten noch zu sprechen.