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Wir beschäftigen uns nun mit der Beschreibung der
Zeitentwicklung der die Observablen repräsentierenden
selbstadjungierten Operatoren und der Zustandsvektoren im
Hilbertraum. Wir wollen zunächst die dynamische Beschreibung eines
Quantensystems in einer speziellen Form, dem
sog. Schrödingerbild gewinnen. Dieses erhalten wir durch
unmittelbare Identifikation der Operatoren und Zustände mit den
entsprechenden Elementen in der Ortsdarstellung. Die
Wellenfunktion ist zeitabhängig, während die
fundamentalen Observablen (z.B. Ort und Impuls für ein spinloses
Teilchen), durch die sich alle anderen Observablenoperatoren ausdrücken
lassen, durch zeitunabhängige Differentialoperatoren
beschrieben werden. Die Zeitentwicklung der Wellenfunktion wird dabei
durch die Schrödingergleichung
 |
(2.9.1) |
beschrieben. Der Hamiltonoperator2.8
ist
dabei für den einfachsten Fall eines Teilchens in einem äußeren
Kraftfeld mit Potential
durch
 |
(2.9.2) |
gegeben. Dieser besitzt wegen (2.4.4) in der in (2.9.1)
benötigten Ortsdarstellung die Form
 |
(2.9.3) |
mit dem Laplaceoperator
 |
(2.9.4) |
Statt der hier angegebenen Form in kartesischen Koordinaten kann man ihn
freilich in irgendwelchen anderen dem jeweiligen Problem angepaßten
Koordinaten, z.B. Kugel- oder Zylinderkoordinaten, verwenden
(s. dazu [CH10]). Da der Hamiltonoperator
die
Zeitentwicklung des Systems beschreibt, repräsentiert er die
Energie des Systems. Dies entspricht unserem Postulat 4, auf
das wir gleich noch näher eingehen werden. Da
selbstadjungiert
ist, ist die Zeitentwicklung eine unitäre
Transformation. Insbesondere bleibt die Normierung der Wellenfunktion
zeitlich erhalten. Sind nämlich
und
irgendwelche
Lösungen der Schrödingergleichung (2.9.1), so folgt
 |
(2.9.5) |
d.h. die Skalarprodukte von beliebigen Zustandsvektoren ändern sich
nicht mit der Zeit, und damit ist die Zeitentwicklung eine unitäre
Transformation. Insbesondere bleibt die zum Anfangszeitpunkt
vorgenommene Normierung der Zustandsvektoren erhalten:
 |
(2.9.6) |
Da die Observablenoperatoren zeitunabhängig sind, sind auch deren
Eigenfunktionen zeitunabhängig. Identifizieren wir
also über die verallgemeinerten Eigenzustände des Ortsoperators die
Wellenfunktionen mit Kets im Hilbertraum vermöge
 |
(2.9.7) |
ist der Zustandsket eine Funktion der Zeit. Leiten wir diese Gleichung
nach der Zeit ab, erhalten wir
 |
(2.9.8) |
und mit der Schrödingergleichung (2.9.1)
 |
(2.9.9) |
Wir haben oben auch gesehen, daß aufgrund der Selbstadjungiertheit des
Hamiltonoperators die Zeitentwicklung in der Ortsdarstellung durch eine
unitäre Transformation der Wellenfunktion gegeben ist. Entsprechend
verallgemeinert sich diese Beobachtung auf die darstellungsunabhängigen
Zustandskets. Es gibt also für jedes
eine unitäre
Transformation
, so daß
 |
(2.9.10) |
ist. Es muß natürlich insbesondere
gelten.
Um die Bewegungsgleichung für
zu finden, leiten wir
(2.9.10) nach der Zeit ab:
![$\displaystyle \frac{\dd}{\dd t} \ket{\psi(t)} = \frac{\partial}{\partial t} \op...
...tial}{\partial t} \op{U}(t,t_0) \right ] \op{U}^{\dagger}(t,t_0) \ket{\psi(t)}.$](img456.png) |
(2.9.11) |
Der Vergleich mit (2.9.9) ergibt
![$\displaystyle \left [\frac{\partial}{\partial t} \op{U}(t,t_0) \right ] \op{U}^{\dagger}(t,t_0) = \frac{1}{\ii \hbar} \op{H}.$](img457.png) |
(2.9.12) |
Nun gilt
 |
(2.9.13) |
Die letzte Beziehung bedeutet, daß
![$\displaystyle \op{H}=\i \hbar [\partial_t \op{U}(t,t_0)] \op{U}^{\dagger}(t,t_0)$](img459.png) |
(2.9.14) |
tatsächlich selbstadjungiert ist. Dies ist konsistent mit der
Forderung, daß der Hamiltonoperator
die Energie des Teilchens
repräsentiert. Multiplizieren von (2.9.14) von rechts mit
ergibt
 |
(2.9.15) |
Wir zeigen weiter, daß dabei
lokal in der Zeit sein muß,
d.h.
hängt höchstens von
, nicht aber von
ab. Dazu
bemerken wir, daß der Zeitentwicklungsoperator
die Bedingung
 |
(2.9.16) |
erfüllen muß, denn die Hintereinanderausführung der Zeitentwicklung
der Zustände von der Zeit
bis zur Zeit
und dann von
bis
muß zusammengenommen der Zeitentwicklung von
bis
entsprechen. Leitet man dies nach
ab und benutzt (2.9.15),
folgt sofort, daß auch
 |
(2.9.17) |
gilt, d.h.
ist höchstens eine Funktion von
, nicht vom
Anfangszeitpunkt
. In abgeschlossenen Systemen ist
definitionsgemäß zeitunabhängig.
Die genaue Form des Hamiltonoperators für ein gegebenes Systems ist
natürlich durch physikalische Prinzipien zu gewinnen und kann nicht
mathematisch hergeleitet werden. Als sehr tragfähig haben sich in der
gesamten modernen Physik die Symmetrieprinzipien erwiesen, aus denen
heraus man Wechselwirkungen postulieren kann. Dabei spielt das
Noethertheorem eine wesentliche Rolle, also daß jeder
unabhängigen Symmetrieoperation (das sind in der Quantentheorie im
wesentlichen die unitären Transformationen), die den Hamiltonoperator
invariant läßt, ein Erhaltungssatz entspricht. Durch die empirische
Beobachtung von Erhaltungsgrößen lassen sich nun aber umgekehrt auch
die Symmetrieprinzipien gewinnen, die zur Aufstellung des
Hamiltonoperators benutzt werden können. Wir gehen auf diese
fundamentalen Symmetrieprinzipien im nächsten Kapitel noch ausführlich
ein.
Nehmen wir nun an, der Hamiltonoperator sei zeitunabhängig. In dem bis
jetzt ausschließlich benutzten Schrödingerbild heißt das, daß er
eine Funktion der fundamentalen Operatoren
und
und nicht der Zeit ist. Dann ist die Lösung der
Differentialgleichung (2.9.15) formal sehr einfach. Wir können
dann nämlich diese Gleichung genauso wie eine Differentialgleichung
für komplexwertige Funktionen behandeln, denn es treten keine Probleme
mit der Nichtkommutativität von Operatoren auf. Demnach ist die formale
Lösung durch
![$\displaystyle \op{U}(t,t_0)=\exp \left [-\frac{\i}{\hbar} (t-t_0)\op{H} \right]$](img467.png) |
(2.9.18) |
gegeben. Daß dies tatsächlich die Lösung ist, weist man sehr leicht
durch Ableiten der Gleichung nach. Dabei ist es entscheidend, daß in
diesem Fall
mit
für jedes
vertauscht. Wäre
zeitabhängig, wäre dies nicht mehr unbedingt der Fall und die
Lösung des Problems weitaus verwickelter. Wir kommen darauf weiter
unten noch zurück.
Wichtig ist noch die Frage nach den stationären Zuständen. Dies war ja
einer der Ausgangspunkte für die Entwicklung der Quantentheorie,
nämlich die Lösung des Problems, wie es stabile Atome geben kann, was
klassisch ja nicht mit den Rutherfordschen Beobachtungen bzgl. der um
den Kern ,,kreisenden`` Elektronen vereinbar ist. Für die
Quantentheorie stellt das deshalb kein Problem dar, weil wir nach
Zuständen suchen können, die sich zeitlich nicht ändern. Beobachtbar
sind aber Zustände nicht direkt, nur die Meßwerte von Observablen
(Eigenwerte der dazugehörigen Operatoren) am Einzelsystem bzw. deren
Erwartungswerte und Wahrscheinlichkeiten für eine große Zahl von
gleich präparierten Systemen (Ensembles). Das bedeutet aber, daß zwei
Zustände
und
, die sich nur durch einen
,,Phasenfaktor``, also durch Multiplikation mit einer komplexe
Zahl vom Betrag
, unterscheiden, die gleiche physikalische Situation
beschreiben und im Sinne der Quantentheorie als der gleiche Zustand
angesehen werden müssen. Damit ist
ein stationärer
Zustand, wenn für jeden Zeitpunkt
eine reelle Zahl
existiert, so daß
![$\displaystyle \ket{\psi(t)}_{\text{stat.}}=\exp[-\i \alpha(t)] \ket{\psi(t_0)}_{\text{stat}}$](img470.png) |
(2.9.19) |
gilt.
Andererseits folgt aus (2.9.9) für einen stationären Zustand
 |
(2.9.20) |
Das bedeutet aber, daß
zu jedem Zeitpunkt
ein Eigenvektor des Hamiltonoperators
zum Eigenwert
sein muß. Es ist also notwendig
 |
(2.9.21) |
Falls
zeitunabhängig ist, ist auch
const
, und
es gilt wegen (2.9.18)
![$\displaystyle \ket{\psi(t)}_{\text{stat}}=\exp\left[-\frac{i}{\hbar} (t-t_0) E \right] \ket{\psi(t_0)}_{\text{stat}}.$](img477.png) |
(2.9.22) |
Wir können also festhalten: Stationäre Zustände eines Systems sind
genau die Eigenzustände des Hamiltonoperators. Wegen ihrer
Wichtigkeit nennt man die Eigenwertgleichung des Hamiltonoperators in
der Ortsdarstellung auch zeitunabhängige
Schrödingergleichung.
Es ist klar, daß bei gegebener Anfangsbedingung in Form der
Wellenfunktion
die allgemeine
Lösung der zeitabhängigen Schrödingergleichung am einfachsten durch
Entwicklung nach Energieeigenfunktionen gegeben ist. Ist nämlich
ein vollständiger Satz von Energieeigenzuständen,
wobei
eventuelle weitere den Zustand charakterisierende
diskrete und kontinuierliche Parameter bezeichnet, so können wir
(2.9.18) wie folgt verwenden:
 |
(2.9.23) |
Dabei definieren wir die Energieeigenfunktionen
 |
(2.9.24) |
Die kombinerten Summations-Integralzeichen über
und
bedeuten wieder Integrale
über den kontinuierlichen und Summen über den diskreten Teil des
Spektrums der betreffenden Operatoren des gerade verwendeten
vollständigen Satzes kompatibler Observabler. Ebenso bedeuten die
-Distributionen in (2.9.24) im diskreten Teil des
Spektrums Kronecker-Symbole.
Die Komponenten des Anfangszustandes sind durch
 |
(2.9.25) |
gegeben. Haben wir also den vollständigen Satz von Energieeigenfunktion
gemäß (2.9.24) bestimmt, können wir die Lösung des
Anfangswertproblems der zeitabhängigen Schrödingergleichung sofort
angeben.
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