Die Bedeutung der Streuung von Teilchen für die Quantenphysik kann kaum überschätzt werden. Man kann wohl ohne Übertreibung sagen, daß ein großer Teil unseres heutigen Wissens über den Aufbau der Materie aus Elementarteilchen und die zwischen ihnen wirkenden Kräfte Streuexperimenten zu verdanken ist.
Unter einem Streuexperiment verstehen wir dabei, daß zwei Teilchen weit
entfernt voneinander mit relativ wohlbestimmtem Impuls präpariert
werden, so daß sie aufeinandertreffen und miteinander reagieren. Für
nicht zu hohe Energien, wie wir sie in diesem Skript über
nichtrelativistische Quantentheorie behandeln, wird dabei die
elektromagnetische Wechselwirkung wirksam, und wir können zunächst von
punktförmigen Teilchen ausgehen, die miteinander über die
Coulombwechselwirkung interagieren. Betrachten wir etwa die
Streuung an einem Atom, wird die Coulombwechselwirkung jedoch bei
großen Abständen weitgehend durch die Elektronen um den Atomkern
abgeschirmt, so daß das Potential
wesentlich schneller als
ein reines Coulombpotential abfällt. Wir betrachten zunächst diesen
Fall kurzreichweitiger Wechselwirkungen. Die Streuung im
Coulombpotential werden wir weiter unten noch genauer betrachten, weil
es aufgrund seiner Langreichweitigkeit eine gesonderte
Behandlung erfordert. Für Potentiale, die mit dem Abstand schneller als
abfallen, können wir davon ausgehen, daß für große
Abstände der Teilchen voneinander, dieselben sich praktisch wie freie
Teilchen verhalten. Wir folgen hier der Darstellung der Streutheorie mit
Hilfe der zeitabhängigen Schrödingergleichung unter Konstruktion
geeigneter Wellenpakete, die die wirkliche Situation des
Streuexperiments adäquat beschreiben [RT67,Mes99]. Die
in vielen Lehrbüchern präsentierte stationäre Version mit ebenen
Wellen im einlaufenden Kanal ist bestenfalls heuristisch, trägt aber
einigen wesentlichen Aspekten des Streuprozesses nicht genügend
Rechnung. Insbesondere bleibt unklar, warum bei der Definition des
Streuquerschnittes nur der Streuanteil der Welle zu berücksichtigen
ist. Auch wird die physikalische Bedeutung des Interferenzterms und der
Zusammenhang zum optischen Theorem in der
,,Wellenpaketformulierung`` wesentlich klarer. Diese etwas
mühsamere Einführung in die Streutheorie lohnt sich also!