Wir wollen in diesem Abschnitt unsere eben gewonnenen Erfahrungen mit der einfachen Wellenlösung der Schrödingergleichung nutzen, um die Physik der Schrödingergleichung zu präzisieren und auf Teilchen in äußeren Potentialfeldern zu erweitern.
Zunächst bemerken wir, daß die oben mehr heuristisch gefundene Methode zur Gewinnung von Lösungen der freien Schrödingergleichung eine sehr einfache mathematische Erklärung besitzt. Betrachten wir einmal für einen Moment die Lösung dieser Gleichung als rein mathematische Aufgabe, d.h. wir fragen uns, welche Eigenschaften die Lösungen dieser Gleichung bestimmen. Die Schrödingergleichung besitzt die Gestalt:
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(2.1.1) |
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(2.1.3) |
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(2.1.4) |
Die Schrödingergleichung beschreibt offenbar, ganz unabhängig von der Interpretation der Wellenfunktion selber, einen dynamischen Prozeß in Raum und Zeit. Die Lösungen haben nämlich gemäß (2.1.5) Wellencharakter, beschreiben also einen Bewegungsvorgang. Hier haben wir es mit freien Wellen zu tun, also solchen, die keine Quelle besitzen. Wie wir aus der Elektrodynamik oder der Vorstellung von Wasserwellen her wissen, besitzen solche Gleichungen stets die Freiheit der Wahl der Anfangsbedingungen. Die spezifische Situation der Wellenerscheinung wird durch diese Anfangsbedingungen determiniert, und diese Anfangsbedingungen sind durch die Erregung der Wellen zu einem früheren Zeitpunkt bestimmt. Damit beschreibt die Schrödingergleichung einen kausalen Vorgang: Aus der ,,Wellenerregung`` am Anfang der Ausbreitung derselben läßt sich der gesamte Vorgang nach Beendigung der Erregung vollständig aus der Bewegungsgleichung (hier also der Schrödingergleichung) berechnen.
Kehren wir wieder zur mathematischen Analyse der Schrödingergleichung
zurück. Die Freiheit der Wahl der Anfangsbedingung ist bei unserem
Zugang zur Beschreibung der Lösung durch eine Fouriertransformation
(2.1.5) in der Willkür der Wahl der
Wellenzahlverteilungsfunktion
versteckt. Diesem Mangel
können wir aber sofort abhelfen, denn für
gilt
gemäß (2.1.5)2.2:
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(2.1.6) |
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(2.1.7) |
| (2.1.9) |
Es ist somit zu erwarten, daß auch für
der Propagator
eine Distribution sein wird. Wir können nun aber
durch Regularisierung dieser Distribution ihre konkrete Gestalt
ausrechnen. Dazu nutzen wir die Tatsache, daß die hier auftretenden
Distributionen als Grenzwerte komplexer Funktionen dargestellt werden
können. Betrachten wir nämlich den durch naives Vertauschen der beiden
Integrationen in (2.1.8) Ausdruck, erkennen wir, daß wir durch die
Ersetzung
mit
, wieder auf ein
wohldefiniertes Gaußintegral zurückgeführt werden:
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(2.1.10) |
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(2.1.11) |
Jetzt können wir aber die allgemeine mathematische Struktur, die hinter
der Schrödingergleichung steckt, klar erkennen: Da die Gleichung linear
ist, bilden alle Lösungen zusammen einen komplexen linearen Raum
(Vektorraum mit
als Skalarkörper). Damit die Bornsche
Interpretation der Wellenfunktion als Wahrscheinlichkeitsamplitude
sinnvoll ist, muß eine physikalisch sinnvolle Wellenfunktion weiter
quadratintegrierbar sein, d.h. eine physikalische
Wellenfunktion
muß nicht nur der
Schrödingergleichung genügen, sondern es muß auch das
Normierungsintegral
existieren. Diese Funktionen2.3 bilden einen Funktionenraum, den
man als Hilbertschen Funktionenraum
L
bezeichnet.
Die Norm einer in diesem Raum gelegenen Funktion ist gerade durch das
Normierungsintegral gegeben.
Allerdings besitzt dieser Raum noch eine viel weitergehende
Struktur. Seien dazu
und
beides
-Funktionen. Dann
existiert das Integral
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(2.1.12) |
Wir erwähnen hier ohne Beweis, daß dieser Raum auch vollständig ist,
d.h. jede Funktionenfolge, die bzgl. der durch das Skalarprodukt
induzierten Norm eine Cauchyfolge ist, besitzt einen in
gelegenen Grenzwert.
An diesem Resultat erkennen wir, daß die Aufgabe, die Dynamik eines Teilchens zu beschreiben, durch einen linearen Operator, der auf dem Raum der quadratintegrierbaren Ortsfunktionen wirkt, gegeben ist, den wir in Form des Integrals (2.1.8) geschrieben haben.
In den folgenden Abschnitten fassen wir die nunmehr grob skizzierte mathematische Struktur der Quantentheorie etwas ausführlicher zusammen. Wir stellen dazu der Einfachheit halber diese Struktur in Form von Grundpostulaten an die Spitze unserer Betrachtungen.