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Die Galileigruppe in der Newtonschen Mechanik
Die grundlegenden Annahmen der Newtonschen Mechanik lassen sich sehr
anschaulich in Form von Symmetrieprinzipien formulieren. So
sagt das 1. Newtonsche Gesetz (der Trägheitssatz) aus, daß es
spezifische Bezugssysteme gibt, in denen Teilchen, auf die keine Kräfte
wirken, sich stets geradlinig gleichförmig bewegen und daß ein
Beobachter durch kein physikalisches Experiment irgendeine Form von
absoluter Geschwindigkeit feststellen kann. Die grundlegenden
Naturgesetze müssen also in allen zueinander geradlinig
gleichförmig bewegten Bezugssystemen gleich aussehen, d.h. die
Gleichungen sind invariant unter Galilei-Boosts. Seien
die Zeit und die drei Raumkomponenten eines
Punktteilchens bzgl. einer kartesischen Basis, welches zusammen mit der
Festlegung irgendeines in diesem Bezugssystem ruhenden
Koordinatenursprungs ein Inertialsystem definiert. Bewegt sich nun der
Ursprung eines anderen Inertialsystems, in dem die Zeit und
Ortskoordinaten durch
gegeben seien, relativ zum ersten
Bezugssystem mit der Geschwindigkeit
, so gilt
 |
(6.1.1) |
wobei wir stillschweigend Newtons Grundannahme, daß die Zeit
unabhängig von jeglichen physikalischen Vorgängen in allen
Inertialsystemen gleich verläuft, verwendet haben. Diese
Transformationen nennt man Galilei-Boosts.
Sie bilden mathematisch gesehen eine Gruppe mit der
Hintereinanderausführung als Gruppenmultiplikation. Führen wir
nämlich einen weiteren Boost zu einem dritten Inertialsystem
, welches sich gegen das Inertialsystem
mit der Geschwindigkeit
bewegt, aus, erhalten wir zusammen
mit (6.1.1)
 |
(6.1.2) |
Die Gesamttransformation, die direkt von den Größen im Inertialsystem
zum System
führt, ist also ihrerseits
durch einen Galileiboost gegeben, und zwar dem mit der Geschwindigkeit
. Schreiben wir den Galilei-Boost mit
Geschwindigkeit
formal als Matrix-Vektormultiplikation
in der Form
mit |
(6.1.3) |
ergibt sich diese Hintereinanderausführung durch die
Matrizenmultiplikationsregel
 |
(6.1.4) |
Es ist weiter klar, daß
das neutrale
Element der Gruppe und
das zu
inverse Element ist. Da weiter wegen (6.1.4) diese
Boost-Matrizen kommutieren, nennt man diese
Galilei-Boost-Gruppe eine Abelsche Gruppe.
Dies sind freilich noch nicht alle Symmetrien der
Galilei-Newtonschen Raumzeit. Es wird weiter vorausgesetzt, daß die
Naturgesetze sich nicht mit der Zeit ändern. Es kann also auch kein
absoluter Zeitpunkt gegenüber irgendeinem anderen Zeitpunkt
ausgezeichnet sein. Außerdem gehen wir davon aus, daß die Naturgesetze
auch an jedem Ort die gleichen sind. Die Naturgesetze müssen also auch
unter Raum-Zeit-Translationen invariant sein, d.h. ändern
wir den Ursprung der Zeitrechnung und den Koordinatenursprung um
irgendwelche konstanten Werte, also
![$\displaystyle t'=t-\alpha, \quad \pvec{x}=\pvec{x}-\vec{a} \stackrel{\text{d...
...(\alpha,\vec{a}) \left [\vv{t}{\vec{x}} \right ]=\vv{t-\alpha}{\vec{x}-\vec{a}}$](img1697.png) |
(6.1.5) |
dürfen sich die Bewegungsgleichungen eines Systems von Punktteilchen
nicht ändern. Es ist klar, daß auch diese Transformationen, die wir
mit
bezeichnen wollen, untereinander eine Abelsche
Gruppe bilden, denn es gilt offenbar
 |
(6.1.6) |
Ebenso bilden die Transformationen, die sich aus beliebigen
Hintereinanderausführungen von Galilei-Boosts und
Raum-Zeit-Translationen erzeugen läßt, eine Gruppe, allerdings
keine Abelsche (Übung).
Schließlich wird für jeden (inertialen) Beobachter der Raum als
euklidisch angenommen, so daß auch keine Wahl irgendeines kartesischen
Basissystems gegenüber einem anderen ausgezeichnet ist, d.h. auch die
Orientierung des Bezugssystems ist durch kein physikalisches Phänomen
absolut bestimmt. Demnach müssen die Naturgesetze auch unter
räumlichen Drehungen invariant sein:
 |
(6.1.7) |
Dabei ist
ein Vektor, dessen Richtung
mit
die
Richtung der Drehachse und dessen Betrag
den Drehwinkel im Sinne
der Rechte-Handregel angibt. Um diese Drehung soll die Basis des
Bezugssystems
gegen die des Bezugssystems
verdreht sein. Konkret erhält man die Wirkung der Drehung auf die
Komponenten des Ortsvektors wie folgt: Die Projektion auf die Richtung
der Drehachse
bleibt ungeändert, während der dazu senkrechte Anteil
und
um den Winkel
gedreht wird. Die Einheitsvektoren
,
und
bilden offenbar ein
rechtshändiges kartesisches Basissystem, und folglich lautet die
Drehung
 |
(6.1.8) |
Es ist klar, daß auch die Drehungen eine Gruppe bilden. Es ist die
Gruppe der reellen speziellen orthogonalen 3x3-Matrizen
SO
. Dies sind die reellen
-Matrizen, für die
und |
(6.1.9) |
gilt. Das inverse Element zu
ist offenbar
, und das neutrale Element der Gruppe ist
. Da Drehungen um verschieden gerichtete Drehachsen
nicht kommutieren, ist hier auf die Reihenfolge der Drehungen zu
achten.
Es ist bequem, die Drehungen und die Boosts in eine
-Matrix
zusammenzufassen. Für
entspricht dies der
Hintereinanderausführung einer Drehung gefolgt von einem Galileiboost
mit Geschwindigkeit
. Hierbei ist auf die Reihenfolge der
Operationen zu achten, denn die Drehungen und die Boosts bilden zwar
eine Gruppe, aber Drehungen und Boosts vertauschen i.a. nicht
miteinander! Die Matrizen (6.1.10) bilden die
Boost-Dreh-Gruppe, denn die Hintereinanderausführung zweier
solcher Transformationen ergibt
 |
(6.1.11) |
Man bezeichnet diese Symmetriegruppe der Galilei-Newtonschen Raum-Zeit
auch als homogene Galilei-Gruppe, denn sie ist eine lineare
Abbildung des Raum-Zeit-Vektors
. Nehmen wir auch noch die
Raum-Zeit-Translationen hinzu, indem wir die Wirkung einer solchen
aus Boosts, Translationen und Drehungen kombinierten Transformation auf
die Raum-Zeit-Vektoren durch
![$\displaystyle \Gamma(\vec{w},\alpha,\vec{a},\hat{R}) \left [\vv{t}{\vec{x}} \right] = \vv{t-\alpha}{D \vec{x}-\vec{w} t -\vec{a}}$](img1724.png) |
(6.1.12) |
definieren, haben wir schließlich die volle Galilei-Gruppe
konstruiert. Für die Hintereinanderausführung zweier solcher
Transformationen ergibt sich
 |
(6.1.13) |
Die inverse Transformation zu
folgt
aus der Forderung
 |
(6.1.14) |
Mit der Gruppenmultiplikationsregel (6.1.13) folgt daraus das
Gleichungssystem
 |
(6.1.15) |
Dies läßt sich leicht nach den gesuchten Parametern auflösen
(Übung!), so daß sich schließlich
 |
(6.1.16) |
ergibt.
Wir können im folgenden die einzelnen Untergruppen der volle Galileigruppe
getrennt behandeln, wie bereits oben geschehen, denn sie ergab sich ja
durch Zusammensetzung aus Galileiboosts, raum-zeitlichen Translationen
und räumlichen Drehungen. In der obigen Konvention gilt
 |
(6.1.17) |
Es ergibt sich eine erhebliche Vereinfachung der Analyse von solchen
kontinuierlichen Symmetrien, wenn man zunächst
infinitesimale Transformationen betrachtet, also solche
Transformationen für sehr kleine Abweichungen vom
Gruppeneinheitselement. Im vorliegenden Fall der Galileigruppe wird dies
dadurch erleichtert, daß die Transformationen offensichtlich
differenzierbar nach den Parametern
,
,
und
in der Parametrisierung der Drehmatrix
gemäß
(6.1.8). Solche Gruppen nennt man
Lie-Gruppen6.1.
Während sich für die Translationen und Boosts zunächst
keine erhebliche Vereinfachung zu ergeben scheint, führt eine
Entwicklung von
und
in (6.1.8) nach einem
infinitesimalen Drehwinkel
zu
 |
(6.1.18) |
Für die infinitesimale Änderung des Ortsvektors aufgrund der
infinitesimalen Drehung ergibt sich also
 |
(6.1.19) |
Man rechnet auch leicht nach (Übung!), daß die
Hintereinanderausführung zweier solcher infinitesimaler Drehungen sich
zu
 |
(6.1.20) |
ergibt.
Man kann nun die infinitesimalen Transformationen offenbar wieder als
Matrizen schreiben. Für die Komponenten des Vektors ergibt sich
aufgrund der Definition des Vektorprodukts ja
 |
(6.1.21) |
Definieren wir nun drei Matrizen
durch6.2
 |
(6.1.22) |
können wir für (6.1.21) auch
 |
(6.1.23) |
schreiben. Die infinitesimalen Matrizen
bilden nun offenbar einen Vektorraum, wobei
die Hintereinanderausführung zweier infinitesimaler Drehungen sich
gemäß (6.1.20) als die Summe der entsprechenden Matrizen
ergibt. In diesem Sinne bilden die drei durch (6.1.22) definierten
Matrizen
eine Basis für die infinitesimalen Drehungen.
Mit Matrizen können wir aber noch weitere Operationen ausführen,
nämlich die Matrizenmultiplikation. Die Multiplikation zweier
-Matrizen führt aber i.a. aus dem Vektorraum der
infinitesimalen Drehungen heraus (Übung). Es stellt sich
allerdings heraus, daß in solchen Fällen stets der Kommutator
zweier infinitesimaler Drehungen wieder eine infinitesimale Drehung
ergibt. Freilich müssen wir dazu die infinitesimalen Drehungen in
höherer als linearer Ordnung in den Drehvektoren
entwickeln. Es gilt nämlich offenbar
 |
(6.1.24) |
Wir müssen also zeigen, daß es Zahlen
gibt, so daß
 |
(6.1.25) |
gilt. Dazu berechnen wir den Kommutator aufgrund der Definition
(6.1.23), indem wir die Matrizen in Komponenten ausschreiben
 |
(6.1.26) |
Daraus ergibt sich
mit |
(6.1.27) |
Die Kommutatoren zweier beliebiger infinitesimaler Rotationen lassen
sich also wieder durch solche infinitesimalen Rotationen schreiben,
d.h. der Vektorraum ist abgeschlossen unter der
Kommutatoroperation. Bezeichnen wir nun mit Frakturbuchstaben
eine beliebige solche
infinitesimale Transformation, so gilt für irgendwelche drei solcher
Elemente die Jacobi-Identität
 |
(6.1.28) |
Man bezeichnet einen Vektorraum
, auf dem ein
antisymmetrisches Produkt
, welches für irgendwelche drei Elemente
die
Jacobi-Identität (6.1.28) erfüllt, als
Lie-Algebra. Eine Lie-Algebra ist im wesentlichen durch ihre
Strukturkonstanten bzgl. irgendeiner Basis definiert.
Wir können nun umgekehrt aus den infinitesimalen Drehungen wieder
endliche Drehungen gewinnen, indem wir nur hinreichend oft eine
infinitesimale Drehung ausführen. Betrachten wir dazu zunächst
Drehungen um eine feste Achse, die durch den Einheitsvektor
vorgegeben ist. Für zwei Drehungen um eine vorgegebene feste Achse gilt
nämlich
![$\displaystyle \hat{R}(\phi_2 \vec{n}) \hat{R}(\phi_1 \vec{n}) = \hat{R}[(\phi_1+\phi_2) \vec{n}].$](img1755.png) |
(6.1.29) |
Dies zeigt man unmittelbar durch Hintereinanderausführung der beiden
Drehungen gemäß (6.1.8) und Anwendung der Additionstheoreme für
Cosinus und Sinus. Offenbar bilden also Drehungen um eine feste Achse
eine Abelsche einparametrige Untergruppe, wobei sich die Parameter (in
unserem Falle die Drehwinkel
und
) bei einer
Hintereinanderausführung addieren. Man nennt eine solche Untergruppe
einer Lie-Gruppe auch kurz eine Einparametergruppe.
Nun können wir aber wegen (6.1.30) offenbar
mit |
(6.1.30) |
schreiben. Für
können wir die Drehung in den eckigen
Klammern durch eine infinitesimale Drehung approximieren, wobei wir
nur Glieder bis zur Ordnung
mitnehmen müssen, d.h. es gilt
![$\displaystyle \hat{R}(\phi \vec{n}) = \lim_{N \rightarrow \infty} \left [\einso...
... \frac{\phi}{N} \right ]^{N} = \exp(\ii \phi \vec{n} \cdot \vec{\mathfrak{J}}).$](img1762.png) |
(6.1.31) |
Man kann durch direkte Rechnung über die Reihenentwicklung der rechts
stehenden Matrix-Exponential-Abbildung zeigen, daß diese
Überlegung tatsächlich richtig ist.
Eine andere Herleitung desselben Ergebnisses erhält man, indem man
zunächst die Drehungen in eine feste Richtung
nach dem Drehwinkel
ableitet. Wegen (6.1.29) gilt nämlich
 |
(6.1.32) |
Liest man dies als Differentialgleichung für
und
berücksichtigt die Anfangsbedingung
, erhält man
wieder (6.1.31). Man erhält also die Einparameteruntergruppen
einer durch Matrizenabbildung realisierten Liegruppe aus deren
Liealgebra durch die Matrix-Exponential-Abbildung. Man nennt daher
die Lie-Algebra Elemente
auch die
,,infinitesimalen Erzeugenden`` der entsprechenden
Gruppenoperationen.
Bemerkung: Für die Drehgruppe haben wir eben gesehen, daß man
überhaupt die ganze Gruppe durch die Matrix-Exponential-Abbildung
aus Lie-Algebra-Elementen zurückgewinnen kann. Dies ist bei
allgemeineren Liegruppen nicht mehr unbedingt der Fall.
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