Die revolutionäre Erkenntnis der Quantenphysik ist, daß es auch bei ideal präparierten Teilchen immer Messungen gibt, für deren Ergebnisse man nur ihre Wahrscheinlichkeit angeben kann. Wir widerlegen hier am Beispiel von Polarisationsmessungen an Photonpaaren die Unterstellung, die Unfähigkeit, die Einzelergebnisse aller Messungen vorherzusagen, beruhe nur auf unvollständiger Kenntnis der Ursachen.
Läßt man Licht durch einen Polariationsfilter fallen, so ist es dahinter polarisiert:
es durchläuft ungehindert einen nächsten Polarisationsfilter, wenn er in derselben Richtung
polarisiert, und die Lichtintensität verringert sich um den Faktor
Erstaunlicherweise enthüllt Licht bei geringer Intensität Teilcheneigenschaften. Der photoelektrische
Effekt, bei dem Licht Elektronen aus einem Metall auslöst, wird mit abnehmender Lichtintensität
nicht kleiner, sondern seltener. Man muß daher die Lichtintensität als Wahrscheinlichkeit deuten,
Photonen vorzufinden, und den Unterdrückungsfaktor
als Wahrscheinlichkeit,
daß das Photon, das in Richtung
polarisiert worden ist,
den Filter
durchdringt.
Mit der Restwahrscheinlichkeit
wird das Photon absorbiert.
Das ist dieselbe Wahrscheinlichlichkeit, mit der es den zu
gekreuzten Filter
durchdringt,
| (1.8) |
Beim Übergang von angeregten Kalzium-Atomen in den Grundzustand entstehen Paare von entgegengesetzt auslaufenden Photonen mit solcher Polarisation [9], daß mit Wahrscheinlichkeit
Die Wahrscheinlichkeit dafür, daß das erste Photon des Paares durchkommt und das zweite
absorbiert wird, ist dieselbe wie die Wahrscheinlichkeit
dafür, daß das erste Photon durchkommt und das zweite
Photon durch den gekreuzten Filter
.
Ebenso sind
und
die Wahrscheinlichkeiten, daß das erste Photon absorbiert wird und das zweite durchkommt und
dafür, daß beide Photonen absorbiert werden,
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(1.10) |
Diese Wahrscheinlichkeiten sind, wie wir sehen werden, weltbilderschütternd:
es kann nicht sein, daß jedes Photon über eine Eigenschaft verfügt, die für alle Filter
in jedem Fall festlegt, ob es sie durchdringt. Ob es durchkommt, ist wirklich zufällig.
Durch Zusammenfassen der beiden möglichen Fälle, daß das zweite Photon durchkommt oder nicht, erhalten wir die Wahrscheinlichkeit
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(1.11) |
Beschränkt man sich aber auf die Fälle, in denen das erste Photon durch den Filter
kommt,
so kommt das zweite Photon mit der bedingten Wahrscheinlichkeit
Für diesen Sachverhalt gibt es die Sprechweise, daß die Messung der Polarisation des einen Photons augenblicklich das andere Photon des Paares, egal wie weit es entfernt sein mag, in den Zustand gleicher Polarisation versetze. Der Zustand des Paares ,,kollabiere`` oder werde reduziert, und das Ergebnis der Messung am ersten Photon werde auf das zweite Photon übertragen oder, beeindruckender, quantenteleportiert. Die Zustandsreduktion erfolge augenblicklich und daher mit Überlichtgeschwindigkeit.
Wer von diesen Behauptungen ungerührt bleibt, stellt nüchtern fest, daß die Messung am einen Photon nichts am anderen Photon bewirkt. Dort werden Photonen vom Filter mit gleicher Wahrscheinlichkeit absorbiert oder nicht, egal in welche Richtung der Filter polarisiert. Durch keine Messung kann man an einem Photon feststellen, ob am anderen Photon gemessen wurde, gemessen wird oder gemessen werden wird, geschweige denn, in welche Richtung und mit welchem Ergebnis.
Daß das zweite Photon in Richtung
polarisiert ist, wenn das erste Photon durch seinen
Filter
kommt, kann man erst bestätigen, wenn man beim zweiten Filter weiß,
ob und in welcher Polarisationsrichtung das erste Photon durchgekommen ist.
Diese Information ist höchstens mit Lichtgeschwindigkeit zu bekommen.
Die offensichtliche Ursache für die Zusammenhänge der Ergebnisse bei beiden Polarisationsfiltern ist die gemeinsame Präparation beider Photonen als Paar. Sie gelingt nur, wenn beide Photonen am selben Ort sind. Da sie sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegen, wirkt sich die Präparation in späteren Messungen nicht schneller als Licht aus.
Wenn man wiederholt eine Münze wirft und jeweils an einen Empfänger einen Brief mit dem Bild der Oberseite und an einen zweiten einen Brief mit dem Bild der Unterseite schickt, dann erhält jeder Empfänger mit gleicher Wahrscheinlichkeit Bilder der Kopf- oder Zahlseite. Jeder Empfänger weiß augenblicklich, wenn er seinen Brief öffnet, welches Bild der andere erhalten hat. Bei Kenntnis des Ergebnisses kollabiert die Wahrscheinlichkeit zur bedingten Wahrscheinlichkeit, in diesem Beispiel zu Gewißheit.
Ebenso ersetzt Zustandsreduktion bei Auftreten eines Meßwertes den vorherigen Zustand durch den bedingten Zustand, der zur bedingten Wahrscheinlichkeit derjenigen Ereignisse gehört, in denen dieser Meßwert auftritt.
Vor Öffnen des Briefes ist der Empfänger unsicher, welches Bild er enthält, aber der Inhalt ist eigentlich nicht unsicher, sondern nur unbekannt. Der Inhalt des Briefes liegt fest, ob man ihn nun öffnet oder nicht. Bei der Wahrscheinlichkeitsverteilung (1.9) hingegen ist ausgeschlossen, daß die Ergebnisse der Polarisationsmessungen in allen Richtungen in jedem Einzelfall vor der Messung feststehen und daß man das Ergebnis nur deshalb nicht vorher weiß, weil die jeweiligen Ursachen im einzelnen unbekannt sind.
Um diese scheinbar unwiderlegbare Vorstellung auszuwerten, betrachten wir wiederholte Messungen,
die wir durch
,
numerieren. Wir stellen uns vor, daß das Ergebnis der Polarisationsmessung
am ersten Photon in Richtung
in jedem Versuch Nummer
feststehe, auch wenn wir es nicht kennen,
und werten das Ergebnis als
, falls das Photon
durchkommt, wenn nicht als
. Mit
bezeichnen wir das Ergebnis,
das sich im Versuch Nummer
ergäbe, wenn wir die Polarisation des ersten Photons in Richtung
mäßen.
Entsprechend bezeichnen wir mit
das Ergebnis der Polarisationsmessung am zweiten Photon des Paares,
wenn wir dort im Versuch mit Nummer
die Polarisation mit einem Filter
messen.
Weil die Messungen für
,
und
nur die Werte
oder
ergeben, gilt in allen Fällen die Ungleichung
| (1.13) |
Polarisieren beide Filter in derselben Richtung, so kommen mit Sicherheit entweder beide Photonen
durch oder keines, denn es gilt
.
Es gilt also in allen Versuchen
. Daher besagt die Ungleichung
Der Mittelwert
der Produkte
der Meßergebnisse in
Versuchen
ist die Summe der einzelnen Produkte, geteilt durch
,
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(1.15) |
Zur Herleitung dieser Bellschen Ungleichung haben wir nur angenommen, daß
für drei Richtungen,
,
und
, für jede Messung Nummer
die Ergebnisse
und
feststehen und nicht davon abhängen, in welcher Richtung
am einen oder anderen Photon wirklich gemessen wird. Tatsächlich aber
kann man in jedem einzelnen Versuch an jedem Photon nur in jeweils einer Richtung
oder
oder
messen und muß
und
oder
und
in verschiedenen Versuchen
ermitteln.
Den Mittelwert von
können wir auch ausrechnen, indem wir für jeden möglichen
Wert, den dieses Produkt haben kann, nämlich
oder
, die Häufigkeit
und
zählen, mit der er auftritt. Dann ist
und
.
Es ist aber, wenn
genügend groß ist, die relative Häufigkeit
die Wahrscheinlichkeit dafür, daß
den Wert
hat und
die Wahrscheinlichkeit für
den Wert
. Die Wahrscheinlichkeit, mit der
den Wert
hat, ist
, mit
Wahrscheinlichkeit
hat das Produkt den Wert
. Demnach gehört zur quantenmechanischen Wahrscheinlichkeitsverteilung (1.9)
der Mittelwert
| (1.17) |
Als Funktion der Richtung
wird die Differenz
| (1.18) |
, und die Differenz ist
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(1.19) |
Daß die gemessenen Polarisationswerte nicht den Bellschen Ungleichungen genügen, ist weltbilderschütternd. Die Meßergebnisse verbauen die gedankliche Ausflucht aus der Wirklichkeit, die Ursachen jedes Meßwertes sei nur unbekannt, aber jeder der Meßwerte stünde in jedem Einzelfall fest, egal welche Messung tatsächlich durchgeführt wird.
In der Quantenphysik gibt es nicht eine Ursache für jedes Meßergebnis, sondern lediglich Ursachen für Wahrscheinlichkeiten von Meßergebnissen.