Verschiebt man in einem gekrümmten Raum einen Vektor parallel von einem Punkt
zu einem Punkt
,
so hängt das Ergebnis vom Weg ab, den man von
nach
durchlaufen hat. Das ist auf einem
Globus leicht nachzuvollziehen. Verschiebt man dort von einem Punkt
am Äquator einen nach Norden
zeigenden Vektor längs des Äquators zu einem Punkt
, der ein Viertel Kugelumfang entfernt ist, und verschiebt
man ihn dann nach Norden zum Nordpol
, so weist er dort von
weg; verschiebt man den Vektor
direkt von
nach Norden zum Nordpol
, so weist er von
weg und bildet einen Winkel von
90 mit dem Vektor, der von
über
nach
verschoben wurde.
Die Wegabhängigkeit von Parallelverschiebung läßt sich auf der Kugeloberfläche durch keine geschicktere
Vorschrift für Parallelverschiebung vermeiden. Gäbe es eine wegunabhängige Vorschrift, die jedem Vektor
am Punkt
einen dazu parallelen Vektor an jedem Punkt
eindeutig und umkehrbar zuordnet, so gäbe
es auf der Kugeloberfläche ein Vektorfeld, das nirgends verschwindet. Es gehört aber zu den topologischen
Eigenschaften der zweidimensionalen Kugeloberfläche, daß jedes Vektorfeld mindestens an einer Stelle verschwindet.
Einen Igel kann man nicht ohne Wirbel kämmen.
Parallelverschiebung ist eine geometrische Struktur, die einen Zusammenhang von Vektoren am
Anfangspunkt
und Endpunkt
jeder Kurve
herstellt. Wir bezeichnen mit
den Vektor am Punkt
, den wir durch paralleles Verschieben des Vektors
von
längs
nach
erhalten.
Parallelverschiebung ist definitionsgemäß linear:
Wird eine Summe
parallel verschoben, so stimmt das Ergebnis mit der Summe der
parallel verschobenen Teile überein. Zudem wird jedes Vielfache
von
in das Vielfache von
verschoben
Jeder Vektor ist definitionsgemäß sich selbst parallel;
besteht die gesamte Kurve
nur aus einem Punkt, so ist
.
Hintereinanderausführen von Parallelverschiebung gibt
die Parallelverschiebung längs hintereinander durchlaufener Wege.
Für jeden Punkt
auf der Kurve
zwischen
und
und die zugehörigen
Teilkurven
von
nach
und
von
nach
und die hintereinander
durchlaufene Kurve
soll also gelten
| (11.2) |
Da Parallelverschiebung hintereinander ausgeführt werden kann, so liegt
sie fest, wenn für jeden Vektor
an jedem Ort mit Koordinaten
der Vektor
am benachbarten Ort mit Koordinaten
definiert ist, den man durch Parallelverschiebung
längs des infinitesimalen Kurvenstücks von
zu
erhält.11.1
Verschiebt man einen Basisvektor
und entwickelt man in der Basis
,
so ist der parallel verschobene Basisvektor von der Form
Die Felder
heißen Zusammenhang oder Konnektion oder auch Eichfelder
oder Yang-Mills-Felder.
Verschiebt man einen beliebigen Vektor
vom Punkt
parallel zu
,
so erhält man, weil Parallelverschiebung linear ist,
Paralleltransport ist invertierbar: verschieben wir längs der rückwärts durchlaufenen
Kurve, die wir mit
bezeichnen, von
nach
,
so erhalten wir den ursprünglichen Vektor
Die linearen Abbildungen
von Vektoren
in die reellen oder komplexen Zahlen bilden den dualen Vektorraum. Ihr Paralleltransport
ist wie ihr kontragredientes Transformationsgesetz (B.35) auf natürliche Art durch
die Forderung
| (11.7) |
Tensoren der Stufe
sind definitionsgemäß Abbildungen, die
Vektoren und
duale
Vektoren auf Zahlen abbilden und linear in jedem ihrer
Argumente sind. Auf gleiche Weise
wie parallel verschobene duale Vektoren ist der parallel verschobene Tensor
durch die Forderung
| (11.9) |