Wechselseitige Zeitdehnung scheint widersprüchlich, wenn wir beispielsweise
Zwillinge bedenken. Der eine Zwilling starte zu Anfang im Ereignis
zum Mars, kehre bei Marsankunft im Ereignis
sofort wieder um und reise zurück. Der andere Zwilling,
der Stubenhocker
, warte in Ruhe die Zeit
bis zur Rückkehr ab. Welcher Zwilling, wenn
überhaupt einer, ist am Ende im Ereignis
jünger? Für jeden der Zwillinge ist der andere bewegt. Altert
nicht jeder widersprüchlicherweise weniger schnell als der andere?
Um zunächst nicht bedenken zu müssen, wie sich das Umkehren auf die Uhr des Reisenden
auswirkt, betrachten wir einfachheitshalber statt der Zwillinge gleichförmig
bewegte Beobachter: den Stubenhocker
, den Hinreisenden
und den
Rückreisenden
. Sie durchlaufen im Raumzeitdiagramm 2.10
jeweils die geraden Weltlinien durch
und
,
Bei Marsankunft
trifft ein Lichtstrahl vom Stubenhocker
ein.
Mit diesem Licht sieht der Hinreisende, daß auf der
rotverschobenen Uhr von
, die sich von ihm entfernt, zwischen dem Start
bis zum Aussenden des Lichtpulses eine Zeit
vergangen ist.
Die Hinreisedauer
, die dem Hinreisenden die eigene Uhr bei Eintreffen des Lichtes bei
anzeigt, ist um einen
Faktor
größer als
(2.1).
Um denselben Faktor
ist die Zeit
größer, die
ab Beginn
auf der Uhr des Stubenhockers vergeht, bis er mit dem Lichtstrahl
von der Marsankunft
die Uhr des Hinreisenden die Zeit
anzeigen sieht,
Denn bei Bewegung in Sichtlinie ist der Dopplerfaktor gegenseitig (2.8), und die Uhr des Hinreisenden erscheint dem Stubenhocker, von dem sie sich entfernt, genauso rotverschoben wie umgekehrt die Uhr des Stubenhockers dem Hinreisenden.
Der Rückreisende
und der Stubenhocker
sehen, während sie aufeinander zufliegen,
jeweils die Uhr des anderen mit einem Dopplerfaktor
blauverschoben. Die
Zeit
, die auf der Uhr von
zwischen Mars
und Rückkehr vergeht,
ist
mal der Zeit
, die er dabei auf der Uhr des Stubenhockers ablaufen sieht.
Mit demselben Faktor ist die Dauer
, in der
den Rückreisenden die
Strecke zwischen
und
durchlaufen sieht, der Zeit
proportional,
die
währenddessen auf der ihm blauverschobenen Uhr von
ablaufen sieht,
| (2.22) |
Wer rastet, der rostet; Reisen hält jung.
Berücksichtigen wir, wie der Dopplerfaktor
von der Geschwindigkeit
abhängt,
(2.11), so ist die Wartedauer
. Sie ist
größer als die Lichtlaufdauer
(1.4) für den Hin- und Rückweg, während die Reisezeiten
und
beliebig kurz sein können. Sind die Geschwindigkeiten bei Hin- und Rückreise gleich, so ist
und
(2.12).
Wenn statt des Hinreisenden
und des Rückreisenden
ein Zwilling des Stubenhockers zum Mars fliegt, dort umkehrt und dabei die stückweise grade
Weltlinie von
über
nach
durchläuft, so altert er von
nach
um
wie
und von
nach
um
wie
, gegenüber denen
er jeweils ruht. Insgesamt altert er also während der Reise weniger als der
Stubenhocker, vorausgesetzt, daß die biologische Uhr des Reisenden ideal ist und nicht durch
die Beschleunigung bei
verstellt oder zerstört wird.
Diese Voraussetzung ist keine wesentliche Einschränkung: die Beschleunigung kann so klein und im Vergleich zur Reisedauer so kurz gehalten werden, daß sich die reale Uhr des Reisenden nicht von einer idealen, beschleunigungsunabhängigen Uhr unterscheidet.
Auch bei gleicher Beschleunigung können Zwillinge unterschiedlich altern, wie das Diagramm
2.11 zeigt. Beide Zwillinge fliegen hier zunächst bis
miteinander. Der
Stubenhocker
bremst dort, der Reisende
fliegt weiter und bremst ebenso bei
. Nach einigem Warten
beschleunigt er zum Rückflug. Wenn er bei
vorbei kommt, beschleunigt
der Stubenhocker ebenso und fliegt gemeinsam mit dem Reisenden weiter.
Dabei altern beide trotz gleicher Beschleunigung unterschiedlich, denn bevor sich ihre Wege trennen und
nach dem Wiedersehen altern sie gleich, ebenso während beide gemeinsam auf der Erde und
dem Mars warten. Die restlichen Teile der Weltlinien bilden das Dreieck
im Diagramm
2.10, das den Grenzfall von Abbildung 2.11 darstellt, wenn der erste Zwilling
sofort abbremst und der zweite Zwilling am Mars nicht wartet [16].
Die Wahrnehmungen der Zwillinge sind nicht gleich und unterscheiden sich nicht nur um die Kraft, die bei
den Impuls des Reisenden ändert.
Der Reisende sieht den Stubenhocker eine Zeitlang
rotverschoben und eine Zeit
blauverschoben, während der Stubenhocker den Reisenden eine längere Zeit
rotverschoben
wahrnimmt und eine kürzere Dauer
blauverschoben. Beide sehen
übereinstimmend, daß der Stubenhocker zwischen
und
mehr altert als der Reisende.
Die Zwillinge sehen, wer von ihnen beschleunigt, wenn die Rotverschiebung,
mit der sie den anderen wahrnehmen, in Blauverschiebung übergeht. Für den Reisenden ändert sich bei
mit seiner Geschwindigkeit durch Aberration (3.21) auch die Einfallsrichtung der Lichtstrahlen,
die er sieht. Dadurch verkleinert sich die Größe, mit der ihm der Stubenhocker erscheint, um den Faktor
. Hingegen ändert sich für den Stubenhocker im Ereignis
nicht die
sichtbare Größe des Reisenden, wenn sich seine Farbe ändert.
Da die Uhren beider Zwillinge bei der Rückkehr verschiedene Zeiten anzeigen, hängt die Zeit, die auf einer Uhr zwischen zwei Ereignissen abläuft, nicht nur von diesen Ereignissen ab, sondern von der Weltlinie, die die Uhr dazwischen durchläuft; so wie in euklidischer Geometrie die Weglänge zwischen zwei Punkten von der Kurve abhängt, die beide Punkte verbindet. Uhren sind wie Kilometerzähler, die Weglänge messen. Kilometerzähler zeigen auf dem Umweg von Hannover über Karlsruhe nach München mehr an als auf der geraden Verbindung, aber der Umweg ist nicht deshalb lang, weil in Karlsruhe kurz das Lenkrad gedreht wird. Das Drehen am Lenkrad bewirkt den Weg, den man fährt, nicht aber die Länge dieses Weges. Die Länge kommt dem Weg selber zu.
Das unterschiedliche Altern der Zwillinge ist so paradox wie in Euklidischer Geometrie die Tatsache, daß im Dreieck jede Seite kürzer als die Summe der beiden anderen Seitenlängen ist. Um Dreiecke zu verstehen, braucht man nicht Differentialgeometrie gekrümmter Räume, selbst wenn man mit Kreisen und Ecken, mit gekrümmten Kurven also, zu tun hat. Ebenso wird die Allgemeine Relativitätstheorie zur Klärung des Zwillingsparadoxons nicht benötigt. Sie kann verwendet werden, gibt aber dieselbe Erklärung und dieselbe Antwort wie die Spezielle Relativitätstheorie: zwischen je zwei genügend benachbarten Ereignissen auf der Weltlinie jedes frei fallenden Beobachters vergeht mehr Zeit als auf allen anderen zeitartigen Weltlinien, die diese beiden Ereignisse verbinden.
Sind die beiden Ereignisse nicht genügend benachbart, sondern weiter voneinander entfernt,
kann Gravitation die Komplikation bewirken, daß verschiedene Weltlinien frei fallender
Beobachter diese Ereignisse verbinden und daß auf diesen Weltlinien verschieden viel
Zeit vergeht, obwohl keiner der Beobachter eine fühlbare Beschleunigung erfahren hat.
Es kann etwa eine Raumstation die Erde im freien Fall umkreisen und eine zweite senkrecht
von der Erde abgeschossen in freiem Fall während der Aufwärtsbewegung an der ersten
vorbeifliegen. Ist die Gipfelhöhe der zweiten Raumstation passend gewählt, so kann sie
die erste Raumstation in der Abwärtsbewegung erneut treffen, nachdem diese die Erde
umkreist hat. Im senkrechten Fall vergeht dazwischen
mehr Zeit als in der Umlaufbahn (Seite
).
Das unterschiedliche Altern der Zwillinge kann man mit Atomuhren messen [17], die in Flugzeugen die Erde so umfliegen, daß sich für den einen Zwilling die Reisegeschwindigkeit zur Umdrehungsgeschwindigkeit der Erde addiert und sich für den anderen subtrahiert. Dabei wirkt sich zudem, wie beim Ortungssystems GPS, die in Flughöhe und auf der Erde unterschiedliche Gravitation auf die Uhren aus.
Uhren, die auf Meereshöhe mit der Erddrehung mitgeführt werden, laufen gleich schnell. Denn die Erddrehung verursacht nicht nur je nach geographischer Breite unterschiedliche Geschwindigkeiten der Uhren, sondern auch eine Abplattung des Erdballs, aufgrund derer die schneller mitbewegte Uhren weiter vom Erdmittelpunkt entfernt sind. Die unterschiedliche Gravitation und die unterschiedliche Geschwindigkeit führen insgesamt dazu, daß auf Meereshöhe mitgeführte Uhren gleich schnell laufen (E.52).