Peilt man waagerecht von einem Turm auf Meereshöhe zu einem zweiten, baugleichen Turm, der ebenfalls auf Meereshöhe steht, dann erscheint wechselseitig wegen der Erdkrümmung jeweils der andere Turm weniger hoch. Denn Höhe ist eine perspektivische Abmessung. Sie hängt davon ab, welche Richtung waagerecht ist, und bei den beiden Türmen sind diese Richtungen nicht gleich.
Perspektivische Verkürzung ist physikalisch wichtig. Weil man die Höhe einer Leiter durch Drehen verändern kann, kann eine gedrehte Leiter durch eine niedrige Tür passen, auch wenn die Länge der Leiter größer ist als die Höhe der Tür, und obwohl Drehungen weder die Maße der Tür noch der Leiter ändern.
Abbildung 2.17 stellt die perspektivische Höhe zweier zueinander gedrehter Maßstäbe
und
in der Euklidischen Geometrie dar. Ein Kreis markiert Punkte gleichen Abstandes vom
Mittelpunkt; die Tangente an den Kreis steht senkrecht auf dem Ortsvektor
vom Mittelpunkt zum Kreis.
Die beiden Maßstäbe schneiden sich im Punkt
.
Für einen Beobachter, der Höhe mit
mißt, sind Punkte gleich hoch wie
, wenn sie auf der Geraden durch
liegen, die einen rechten Winkel mit dem Maßstab bildet.
Insbesondere ist für ihn der Punkt
gleich hoch wie der Punkt
. Die mit dem gedrehten Maßstab
gemessene Länge
zwischen
und
ist größer als die Länge zwischen den dazu gleich hohen Punkten
und
, denn der Kreis durch
schneidet den gedrehten Maßstab zwischen
und
.
Wenn man in Abbildung 2.17 den Kreis durch eine Hyperbel ersetzt, so erhält man
die geometrischen Verhältnisse der Raumzeit.
Im Raumzeitdiagramm 2.18 markiert die Hyperbel
für ein festes, positives
und mit
Ereignisse gleichen zeitlichen Abstandes zum Ursprung (2.36).
Gleichförmig bewegte Uhren, die gleich gehen und auf geraden Weltlinien
von Beobachtern
und
den Ursprung
durchlaufen, zeigen bei
Durchlaufen des Ereignisses, in dem ihre Weltlinie die Hyperbel
schneidet, eine um
spätere Zeit an.
Die Tangenten im Punkt
und
stehen senkrecht im Sinne des Skalarproduktes auf
der Weltlinie von
zu
beziehungsweise von
zu
(2.52).
Sie bestehen daher
aus Ereignissen, die für den Beobachter
beziehungsweise
gleichzeitig stattfinden. Sie
Vergeht auf einer Uhr zwischen zwei Ereignissen die Zeit
, so vergeht
auf jeder bewegten Uhr zwischen den dazu gleichzeitigen Ereignissen die kürzere
Zeit (2.36)
Die verkürzte Zusammenfassung ,,bewegte Uhren gehen langsamer``
unterschlägt die umständliche Angabe von Strecken
und
beziehungsweise
und
,
deren Dauer zu vergleichen ist, und ist Anlaß von Mißverständnissen. Denn
,,langsamer gehen`` ist eine Ordnungsrelation und es kann nicht
die Uhr
langsamer als die Uhr
und ebenfalls
die Uhr
langsamer als die Uhr
gehen.
Tatsächlich gehen beide Uhren gleich, dies kann ein Schiedsrichter
wie in Abbildung 2.2 überprüfen.
Verkürzung bewegter Maßstäbe kann man dem Diagramm 2.19 ablesen, das sich durch
Spiegelung des Diagramms 2.18 ergibt.
Im Diagramm 2.19 [22] durchlaufen Anfang und Ende gleichförmig bewegter Maßstäbe
von Beobachtern
und
je ein Paar
paralleler,
Die Geraden durch
und
sowie
und
sind senkrecht im Sinne
des Skalarproduktes zu den Weltlinien der Beobachter
und
, denn es handelt sich
jeweils um Orts- und (Parallele zu) Tangentialvektoren an eine Hyperbel (Seite
).
Daher sind für
die Ereignisse
und
gleichzeitig.
In
stimmen die linken Enden beider Maßstäbe überein. Aber der
gegenüber
bewegte Maßstab ragt nur bis
, ist also kürzer
als der eigene, der bis
reicht.
Ebenso sind für
die Ereignisse
und
gleichzeitig.
In
stimmen die linken Enden beider Maßstäbe überein. Aber der
gegenüber
bewegte Maßstab ragt nur bis
, ist also kürzer
als der eigene, der bis
reicht.
Im Diagramm 2.20 werden die Reisezeiten beim Zwillingsparadoxon
mit der hilfsweise eingezeichneten Hyperbel von
nach
mit
Ursprung bei
und der Hyperbel von
nach
mit Ursprung bei
mit der Wartedauer verglichen.
Die Abschnitte von
nach
und von
nach
auf der Weltlinie des Stubenhockers
dauern so lang, wie die Hin- und die Rückreise für den Reisenden
.
Der Stubenhocker ist zudem um die Zeit gealtert, die zwischen
und
vergangen ist. Auf der geraden Weltlinie des Stubenhockers ist also mehr Zeit vergangen als auf der
Weltlinie des Reisenden mit einen Knick.
Die Tangenten
und
an die Hyperbeln bestehen aus Ereignissen, die
für einen Beobachter
, der mit zum Mars fliegt, beziehungsweise für
einen Beobachter
, der zurück fliegt, gleichzeitig zur Ankunft
sind.
Sie schneiden die Weltlinie des Stubenhockers bei
und
und belegen,
daß für den hin- und den herfliegende Beobachter auf der Uhr des Stubenhockers weniger Zeit vergeht
als gleichzeitig auf der eigenen Uhr.
Es stimmen aber die Ereignisse
und
nicht überein, sie sind
für verschiedene Beobachter gleichzeitig zur Marsankunft. Zwischen
und
vergeht soviel Zeit, daß der Stubenhocker am Ende bei
insgesamt mehr gealtert ist als der
Reisende.