Man hielt es lange für selbstverständlich, daß sich gleichmäßige, gradlinige Bewegung, die wir kurz gleichförmige Bewegung nennen, am Verhalten von Licht nachweisen lassen müsse. Zwar war lange vor Einsteins Relativitätstheorie bekannt, daß sich bei einem unbeschleunigten Beobachter durch keinen auf der Newtonschen Mechanik beruhenden Effekt entscheiden läßt, ob er ruht oder sich bewegt.
Aber 1676 hatte Ole Rømer aus den von Cassini tabellierten
Umlaufzeiten der vier großen Jupitermonde Jo, Europa, Ganymed und Kallisto
geschlossen, daß
, die Geschwindigkeit von Licht im
Vakuum, endlich ist [4]. Demnach sollte Licht ein Bezugssystem
auszeichnen, in dem es sich in alle Richtungen gleich schnell als Welle ausbreitet und in dem
sein Trägermedium, der Äther, ruht. Für Beobachter, die
sich demgegenüber mit Geschwindigkeit
bewegen, sollte sich Licht je nach Richtung
mit Geschwindigkeiten zwischen
und
ausbreiten.
Diese scheinbar selbstverständliche Folgerung ist widerlegt: In keinen Experiment hat sich die Bewegung der Lichtquelle je daran gezeigt,1.1 daß sich Licht im Vakuum in verschiedene Richtungen verschieden schnell ausbreitete. Ebensowenig hat sich die Bewegung des Nachweisgerätes je so ausgewirkt, daß es in verschiedenen Richtungen verschiedene Lichtgeschwindigkeiten registrierte. Die erstaunlichste Eigenschaft des Äthers, des Trägermediums der Lichtwellen, ist, daß man nie eine nachweisbare Spur von ihm gefunden hat. Da der Äther alle Eigenschaften des Vakuums hat, ist er das Vakuum. Licht breitet sich im Vakuum aus.
Es gibt nicht schnelleres oder langsameres Licht. Licht überholt nicht Licht!
Zum Beispiel hat man 1987 in der Großen Magellanschen Wolke eine Supernova, SN 1987 a,
beobachtet, die vor
Jahren stattgefunden hat und bei der
das explodierende, leuchtende Plasma mit einer Geschwindigkeit von zunächst
km/s ausgestoßen wurde.
Hätte sich die Geschwindigkeit
des leuchtenden Plasmas zur Lichtgeschwindigkeit zu
addiert,
so wäre das Licht vom Plasma, das sich auf uns zu bewegt,
Jahre vor Licht von dem Plasma angekommen,
das sich quer zur Sichtlinie bewegte, als es Licht in unsere Richtung abstrahlte.
Zwar hat niemand den Stern beobachtet, als das erste Licht von der Explosion hier eintraf.
Aber bei der Explosion wurden auch Neutrinos erzeugt, deren Ankunftszeit man nachträglich den
Meßaufzeichnungen entnehmen konnte. Als man eine Stunde nach dem Zeitpunkt,
zu dem die Neutrinos die Detektoren haben ansprechen lassen, zum explodierten Stern hinsah, war
die Explosion vollständig zu sehen. Demnach können schlimmstenfalls Laufzeitunterschiede von einer
Stunde für die verschiedenen Lichtstrahlen aufgetreten sein. Ein Jahr hat etwa
Stunden.
Bei einer Laufzeit von
Jahren waren daher die Geschwindigkeiten der Lichtstrahlen bis
auf
, also in den ersten neun Stellen,
gleich.
Weil Neutrinos und Licht innerhalb einer Stunde gleichzeitig eintrafen, folgt übrigens
auch [6], daß die Neutrinos sich auf neun Stellen genau mit Lichtgeschwindigkeit
bewegt haben müssen und daß ihre Masse weniger als
beträgt.
Daß die Lichtgeschwindigkeit im Vakuum unabhängig von der Geschwindigkeit der Quelle ist,
folgt aus den Maxwellgleichungen (5.3, 5.4).
Eine Ladung, die zur Zeit
am Ort
ist,
wirkt sich auf die elektrischen und magnetischen Felder am Ort
zu der Zeit
Die Unabhängigkeit der Ausbreitung des Lichtes von der Geschwindigkeit der Quelle bedeutet nicht, daß nicht andere Eigenschaften, nämlich die Farbe des Lichtes, seine Richtung und Helligkeit, von der Geschwindigkeit des Beobachters gegenüber der Quelle abhängen. Die Intensität elektromagnetischer Abstrahlung hängt von der Beschleunigung der Ladungen ab, die die Strahlung aussenden.
Die Unabhängigkeit der Lichtausbreitung von der Geschwindigkeit der Quelle ist im Raumzeitdiagramm 1.3 dargestellt: Ein ruhender Beobachter durchläuft die gerade Welt-
linie
Die Weltlinie eines Lichtpulses nennen wir Lichtstrahl.
Unsere Diagramme der Raumzeit sind so gedreht, daß die von
nach vorn und nach hinten
auslaufenden Lichtstrahlen im Laufe der Zeit von unten nach oben und spiegelbildlich zur
vertikalen Achse durchlaufen werden. Die Einheiten sind so gewählt, daß die Lichtstrahlen
einen Winkel von
mit den Achsen einschließen.
Die Lichtstrahlen durch andere Ereignisse
sind parallel zu den Lichtstrahlen durch
.
Denn Licht überholt nicht Licht. Daher schneiden sich in Raumzeitdiagrammen die Weltlinien von Lichtpulsen
in gleicher Richtung nicht, sondern sind einander parallel.
Für jedes Ereignis
liegt fest, welche späteren Ereignisse von ihm mit
Lichtpulsen beeinflußt werden können und umgekehrt, von welchen früheren Ereignissen es durch Lichtpulse
hat beeinflußt werden können. Diese Ereignisse bilden den Vorwärts- und den Rückwärtslichtkegel von
.
Beide gehören wie Einkerbungen zur geometrischen Struktur der Raumzeit, so wie die Rille zur
Schallplatte gehört.
Außer den Lichtstrahlen sind in der leeren Raumzeit keine anderen Geraden physikalisch ausgezeichnet. Es gibt keinen nachweisbaren Äther, der Weltlinien gleichen Ortes durchliefe, und es gibt keine meßbare Weltzeit, die Linien gleicher Zeit definierte. Die Zeit- und Ortsachsen sind, anders als die Lichtkegel, keine geometrische Strukturen der Raumzeit, sondern hängen vom Beobachter ab. Daher und der Übersichtlichkeit wegen lassen wir die Achsen in den weiteren Raumzeitdiagrammen weg.
Wären Licht und elektromagnetische Wellen die Schwingungen eines auch im Vakuum vorhandenen Trägermediums Äther, so wie Schall Schwingungen der Luft und anderer Materie ist, und wären die Weltlinien, die von den Bestandteilen des Äthers durchlaufen werden, meßbar, so könnte man Bewegung gegenüber dem Äther messen und von Ruhe unterscheiden.
Könnte man für jedes Ereignis eine Weltzeit messen, deren Meßergebnis für alle Beobachter gleich ist und die demnach dem Ereignis an sich zukäme, dann könnte man einen ruhenden von einem gleichförmig bewegten Beobachter dadurch physikalisch unterscheiden, daß Lichtpulse, die er in einem Ereignis in entgegengesetzte Richtungen ausgestrahlt und die zu gleicher Weltzeit reflektiert werden, zum ruhenden, nicht aber zum bewegten Beobachter jeweils wieder im gleichen Augenblick zurückkommen.
Der experimentelle Befund, daß man im Vakuum gleichförmige Bewegung nicht von Ruhe unterscheiden kann, besagt also, daß physikalisch ein Äther nicht nachweisbar und eine Weltzeit nicht meßbar ist. Dies widerlegt Newtonsche Vorstellungen und scheint unserer Alltagserfahrung, dem gesunden Menschenverstand, zu widersprechen. Aber unsere Alltagserfahrung ist auf kleine Geschwindigkeiten beschränkt. Wie sich die Natur jenseits unserer Alltagserfahrung verhält, klären Physiker mit Experimenten.