Nächste Seite: Ideale Gase im großkanonischen
Aufwärts: Thermodynamisches Gleichgewicht
Vorherige Seite: Adiabatische Änderungen im thermodynamischen
  Inhalt
In diesem Abschnitt zeigen wir kurz, daß die phänomenologische
Thermodynamik, soweit sie die Gleichgewichtsthermodynamik betrifft,
mikroskopisch aus der Quantenstatistik und dem eben bewiesenen
Adiabatentheorem hergeleitet werden kann.
Wir betrachten also im folgenden Gleichgewichtszustände, also den Fall,
daß der statistische Operator
des Systems nicht explizit
zeitabhängig ist.
Gemäß (1.146) bedeutet dies, daß der statistische Operator mit dem
Hamiltonoperator vertauscht,
 |
(2.17) |
und also für den Operator, welcher das Jaynessche Prinzip erfüllt gemäß
(1.154), daß dieser nur von den Konstanten der Bewegung, also
Erhaltungsgrößen abhängen darf. Statistische Operatoren für
thermodynamisches Gleichgewicht sind also solche, für den als gegebene
Information einzig und allein Erwartungswerte von Erhaltungsgrößen des
Systems vorgegeben sind. Eine andere Möglichkeit sind
sog. mikrokanonische statistische Operatoren, für die die Energie
oder die Energie und andere Erhaltungsgrößen des Systems mit Sicherheit
in bestimmten Intervallen befindet. Darauf gehen wir jedoch hier nicht
ein. Sei also ein Satz linear unabhängiger erhaltener Größen
gegeben. Die gegebene Information seien die
Erwartungswerte dieser Operatoren, so daß gemä's (1.154) der
statistische Operator die Form
 |
(2.18) |
besitzt.
Die wichtigsten Fälle sind der kanonische statistische Operator, wo
nur die mittlere Energie des Systems vorgegeben ist, d.h.
 |
(2.19) |
und der großkanonische statistische Operator, wo die mittlere
Energie und die mittlere Teilchenzahl gegeben sind. Hierbei ist allerdings
zu beachten, daß dies nur im Rahmen der nichtrelativistischen
Quantentheorie sinnvoll ist, da im relativistischen Fall die Teilchenzahl
i.a. nicht erhalten ist. Dann tritt an die Stelle der Teilchenzahl eine
erhaltene Noetherladung, z.B. die Nettoleptonenzahl (die Differenz aus
Leptonen- und Antileptonen):
 |
(2.20) |
Wegen Theorem 4 können wir die Erwartungswerte der
durch Bildung der
Ableitungen von
nach den entsprechenden Lagrangeparametern
gewinnen:
 |
(2.21) |
Aufgrund des Adiabatentheorems im vorigen Abschnitt, verbleibt der
statistische Operator ein Gleichgewichtsoperator, wenn wir eine
adiabatische Änderung äußerer Parameter (wie z.B. das Volumen, in
dem ein Gas eingesperrt ist) vornehmen. Wegen des Ehrenfestschen Theorems
bleibt während einer solchen adiabatischen Zustandsänderung auch die
Entropie
unverändert.
Auf der anderen Seite ist
mit  |
(2.22) |
Dies zeigt, daß
eine Legendretransformierte der Entropie,
also eine sog. Massieufunktion ist.
Eine adiabatische Änderung eines äußeren Parameters bedeutet also, daß
das System während dieser Änderung ständig in einem Gleichgwichtszustand
verbleibt, und für ein abgeschlossenes System
 |
(2.23) |
Dies nennen wir thermodynamisches Adiabatentheorem.
Es folgt daraus und wegen
 |
(2.24) |
denn
 |
(2.25) |
Im allgemeinen können wir aber nicht die Durchschnittswerte aller
erhaltenen Größen eines Systems kennen, weil dies für ein
makroskopisches System eine viel zu große Zahl von Größen
beinhaltet. Gewöhnlich betrachten wir daher in der Theromodynamik
offene Systeme, d.h. wir haben ein großes makroskopisches System,
und wir betrachten ein kleines Untersystem von ebenfalls makroskopischen
Ausmaßen, von dem wir nur die mittlere Energie und die mittlere
Teilchenzahl kennen.
Wir nehmen weiter an, daß sich das System als ganzes im thermischen
und chemischen Gleichgewicht befindet. Der statistische Operator des
Gesamtsystems ist also in diesem Falle
 |
(2.26) |
wo
der Operator der totalen Teilchenzahl ist.
Jetzt betrachten wir eine adiabatische Änderung an dem kleinen
Untersystem und nehmen dabei an, daß das Gesamtsystem so groß ist,
daß die Änderung der Entropie des großen Restsystems
vernachlässigbar klein ist.
Aus (2.23) erhalten wir unter diesen Voraussetzungen
 |
(2.27) |
Dabei beziehen sich hier und im folgenden alle Größen mit Index
auf
das kleine Untersystem und solche mit
auf den Rest.
Betrachten wir nun speziell das Volumen
des kleinen Untersystems als
einen äußeren Parameter, so erhalten wir mit (2.27):
 |
(2.28) |
Wir können damit die Lagrangeparameter und die Ableitung der
Massieufunktion
mit den phänomenologischen Zustandsgrößen
Entropie
, Temperatur
, Druck
und chemisches Potential
des Untersystems identifizieren:
 |
(2.29) |
so daß (2.28) die Form des ersten Hauptsatzes der
Thermodynamik annimmt:
 |
(2.30) |
Es besagt nichts anderes als die Energieerhaltung für das Untersystem:
Die Änderung der mittleren Energie ist durch die Wärme
, die
es aus seiner Umgebung bezieht, die mechanische Arbeit
, die es
an die Umgebung abgibt und schließlich die für chemische Reaktionen
erforderliche chemische Arbeit
.
Das Shannon-von Neumannsche Informationsmaß, welches das Jaynessche
Prinzip des geringsten Vorurteils erfüllt, für ein offenes System, das
in thermischem und chemischem Kontakt mit einem größeren System (oft
als Wärmebad bezeichnet) steht, ist also identisch mit der
makroskopischen Entropie, wie sie von Clausius und Planck im
Rahmen der phänomenologischen Thermodynamik eingeführt wurde.
Die phänomenologische Thermodynamik kann somit auf die allgemeinen
Prinzipien der Quantenstatistik und die Annahme des Vorliegens
thermodynamischen Gleichgewichts sowie die Beschränkung der Betrachtung
auf adiabatische Zustandsänderungen, also solche Änderungen des
Systems, die so langsam vor sich gehen, daß man das System die ganze
Zeit als im thermischen Gleichgewicht befindlich ansehen kann.
Es sei hier nur noch erwähnt, daß in der Quantenstatistik einige
Probleme wie das Gibbssche Paradoxon der klassischen Statistik gar nicht
erst auftreten.
Nächste Seite: Ideale Gase im großkanonischen
Aufwärts: Thermodynamisches Gleichgewicht
Vorherige Seite: Adiabatische Änderungen im thermodynamischen
  Inhalt
Hendrik van Hees
2010-03-31