Wir setzen voraus, daß der Leser mit der Quantentheorie, formuliert im Diracschen ,,Bra-Ket-Formalismus'' vertraut ist. Meine ausführliche Zusammenfassung dieser Grundlagen findet sich auf meiner Webpage [Hee98]. Von der zahlreichen Lehrbuchliteratur seien nur die folgenden beiden zitiert: [Fic79,Bal98]. Hier wollen wir lediglich die Notation etablieren und den Rahmen zur Behandlung der Quantenstatistik bereitstellen.
Wir stellen in diesem Abschnitt die Grundlagen der Quantentheorie zusammen, und zwar zunächst ohne auf die Quantenstatistik einzugehen. Die Quantentheorie in diesem Sinne behandelt nur die Frage, wie ein System überhaupt quantentheoretisch beschrieben wird (analog zur Kinematik für ein klassisches mechanisches System) und wie bei vollständiger Kenntnis des Anfangszustandes die zeitliche Entwicklung der Größen berechnet werden kann (analog zur Dynamik in der klassischen Mechanik, die z.B. durch die Newtonschen Bewegungsgleichungen für Punktteilchen bestimmt ist).
Das Resultat einer exakten Messung der Observablen
ist notwendig ein
Eigenwert des entsprechenden Operators
.
Es sei weiter
Eig
der Eigenraum zum Eigenwert
und
Zwei Observablen
und
heißen kompatibel, wenn die sie
repräsentierenden selbstadjungierten Operatoren kommutieren.
Ein Menge
von kompatiblen
Observablen heißt vollständiger Satz kompatibler Observabler,
wenn deren simultaner Eigenraum
Eig
eindimensional ist.
Bemerkungen:
Anstatt mit den praktisch etwas unbequemen Strahlen zu operieren, können wir auch den Projektionsoperator
Hier muß betont werden, daß die statistischen Aussagen, die durch dieses
Postulat getroffen werden, nicht notwendig sind, weil wir den
genauen Zustand des Systems nicht kennen. Wir setzen ja gerade voraus, daß
sich das System in dem Zustand
befindet und daß die
Zuordnung dieses Strahls im Hilbertraum die vollständige Festlegung des
Systemzustandes bedeutet. Vielmehr spiegeln diese
Wahrscheinlichkeitsaussagen den prinzipiellen Indeterminismus, der
durch die Quantentheorie gerade beschrieben werden soll, wieder. Es kann
zwar sein, daß, obwohl man den Zustand
des Systems mit
Sicherheit kennt, die Frage, welchen Wert die Messung einer Observablen
liefert, nicht mit Sicherheit beantwortet werden kann. Der Meßwert ist
gemäß Postulat (Q2) nur dann determiniert, wenn
ein
Eigenvektor des dieser Observablen zugeordneten selbstadjungierten
Operators
ist, und der Meßwert ist dann mit Sicherheit der
dazugehörige Eigenwert.
Die Quantentheorie macht dann jedoch immerhin die statistische Aussage, daß
(1.81) die Wahrscheinlichkeit dafür angibt, bei der Messung der
Observablen
gerade den Eigenwert
des dazugehörigen Operators
zu finden. (Q2) sagt darüber hinaus aus, daß eine Observable gar
keine anderen Werte als diese Eigenwerte annehmen kann.
Wir müssen nun noch kurz rekapitulieren, daß (Q2) eine mit den
Kolmogorovschen Axiomen verträgliche Definition von Wahrscheinlichkeiten
für das ,,Zufallsexperiment'' der Messung der Observablen
liefert. Zunächst ist klar, daß in dem gegebenen Falle die Ergebnismenge
durch
gegeben ist. Die
Ereignisalgebra ist die Potenzmenge von
, d.h.
. Weiter müssen sich die Ergebnisse gegenseitig
ausschließen. Dies ist jedoch der Fall, denn vorausgesetzt, das System
sei in einem Zustand präpariert, in dem mit Sicherheit der bei der
Messung von
der Meßwert
ist, befindet sich wegen (Q2) das System
in einem Eigenzustand
des Operators
zum Eigenwert
. Nun stehen alle Eigenvektoren zu einem von
verschiedenen
Eigenwert
aufeinander senkrecht, denn es gilt:
| (1.83) |
Weiter bilden die Eigenvektoren eines selbstadjungierten Operators ein vollständiges Orthonormalsystem im Hilbertraum, so daß gemäß (Q2) auch
| (1.84) |
Es bleibt zu bemerken, daß der Hilbertraum für reale Systeme (z.B.
Teilchen) i.a. unendlichdimensional ist und selbstadjungierte Operatoren
auch ein kontinuierliches Spektrum oder kontinuierliche Anteile im Spektrum
haben können. Dann sind die obigen Axiome im Sinne der Spektraltheorie um
verallgemeinerte Eigenvektoren, welche im Rahmen der
Distributionentheorie strikt begründet werden können, zu
verallgemeinern. Wir setzen voraus, daß für Werte im kontinuierlichen
Spektrum verallgemeinerte Eigenvektoren existieren, die ,,auf die
-distribution'' normiert werden können:
Ist nun
im kontinuierlichen Spektrum, so ist
| (1.87) |
Eine der wohl berühmtesten Folgerungen aus dem Formalismus der Quantentheorie sind wohl Heisenbergs Unschärferelationen:
Der Erwartungswert einer Observablen für ein System, welches im
Zustand
präpriert ist, ist
. Daß diese Vorschrift verträglich mit dem
Postulat (Q2) ist, resultiert aus der Anwendung der
Vollständigkeitsrelation (1.86):
![]() |
(1.89) |
Schließlich kommen wir zur Dynamik quantenmechanischer Zustände und Operatoren.
Bemerkungen: Die Operatoren, die den grundlegenden dynamischen
Observablen des Systems, wie Orts- und Impulsoperatoren, besitzen keine
explizite Zeitabhängigkeit. Weiter ist es wichtig zu bemerken, daß
nicht mit der totalen (mathematischen) Zeitableitung
des Operators verwechselt werden darf. Beide Operationen sind
nur im Heisenbergbild der Zeitentwicklung identisch. Wir kommen auf
verschiedene Bilder der Zeitentwicklung gleich noch zurück, denn wie man
die Zeitabhängigkeiten auf Operatoren und Zustände verteilt, ist
weitgehend willkürlich und wird je nach Anwendungsfall geschickt
festgelegt. Die physikalischen Aussagen der Theorie sind von dieser Wahl
des Bildes natürlich unabhängig. Die Freiheit der Bildwahl ist dadurch
begründet, daß alle physikalischen Vorhersagen invariant unter
zeitabhängigen unitären Transformationen, sog.
Bildtransformationen von Operatoren und Zuständen sind. Man kann
daher
als bzgl. Bildtransformationen kovariante Zeitableitung auffassen.
Wie wir unten noch sehen werden, bedeutet (Q4), daß die Quantentheorie
eine kausale Theorie ist, d.h. ist der Zustand zur Zeit
und der
Hamiltonoperator bekannt, ist der Zustand zu jeder späteren Zeit
determiniert. Das bedeutet, daß wenn
und
zwei Zustände sind, die sich zeitlich gemäß der Dynamik des Systems
bewegen, die Wahrscheinlichkeitsamplituden
const
sind.